Vollgas oder Vorsicht?

Was eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen bringen würde

„Wider jede menschliche Vernunft“ – so lautete das Urteil von Verkehrsminister Andreas Scheuer über die im vergangenen Jahr angedachte Geschwindigkeitsbegrenzung auf 130 km/h auf deutschen Autobahnen. Durchgesetzt hat sich die Idee nicht. Hat am Ende doch die Vernunft gesiegt?

Weniger Abgase, weniger Schadstoffe, weniger Lärm

Aus Umweltschutzsicht wäre ein Tempolimit vor allem aufgrund der zu erwartenden Kraftstoff- und CO2-Einsparungen sinnvoll. Wie viel CO2 genau weniger verbraucht würde, ist umstritten. Während Gegner des Tempolimits kein nennenswertes Einsparungspotential sehen, prognostiziert das Umweltbundesamt, dass ein Tempolimit von 130 km/h die CO2-Emissionen des deutschen Autoverkehrs um mindestens 1,9 Millionen Tonnen CO2 senken würde. Bei einer Begrenzung auf 120 km/h wäre laut der Analyse des Öko-Institut e.V. in Freiburg sogar eine deutlich höhere Einsparung von ca. 3,5 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr zu erwarten. Das liegt daran, dass der Kraftstoffverbrauch mit höherer Geschwindigkeit überproportional ansteigt. Je größer die Geschwindigkeit, desto höher der Luftwiderstand, desto mehr Kraftstoff wird benötigt, um die Geschwindigkeit zu halten. Daher ist der Ausstoß von Treibhausgasen bei höherem Tempo schnell sehr viel höher als bei einer niedrigeren Geschwindigkeit. Auch der Schadstoffausstoß generell sowie die Lärmbelästigung für Anwohner und Umwelt würde durch ein Tempolimit auf Autobahnen voraussichtlich abgeschwächt.

Weniger Unfälle, weniger schwere Schäden

Abgesehen vom Umweltschutzaspekt darf außerdem ein weiterer Aspekt nicht außer Acht gelassen werden: die Sicherheit der Verkehrsteilnehmenden. Obwohl die Anzahl der tödlichen Unfälle in den letzten Jahren leicht rückläufig war, starben laut dem Statistischen Bundesamt im vergangenen Jahr insgesamt 963 Menschen bei Unfällen im Zusammenhang mit überhöhter Geschwindigkeit. Das sind ein Drittel der Verkehrstoten insgesamt – und hochgerechnet einer alle neun Stunden. Dazu kommen mehr als 50.000 Verletzte. Unfallforscher wie Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft betonen, dass striktere Geschwindigkeitsbegrenzungen, auch auf Autobahnen, die Unfallzahlen deutlich senken würden und Unfälle häufig weniger schlimme Folgen hätten. Und entspannter wäre das Fahren auf Autobahnen allemal, wenn Raser:innen ausgebremst würden.

Und trotzdem…

Betrachtet man all die Vorteile, die ein Tempolimit hätte, muss man sich doch fragen, warum Deutschland nach wie vor das einzige europäische Land ist, in dem die Geschwindigkeit auf Autobahnen frei wählbar ist. Da bleibt nur eins: In Zukunft so vernünftig sein, sich freiwillig an die Richtgeschwindigkeit zu halten…

Paula Lerchbaumer

Quellen:

Dallmus, Alexander: Bringt ein Tempolimit von 130 km/h was für die Umwelt?, https://www.br.de/radio/bayern1/tempolimit-110.html, letzter Abruf: 06.09.2020.

Lange, Martin u.a.: Klimaschutz durch Tempolimit. Wirkung eines generellen Tempolimits auf Bundesautobahnen auf die Treibhausgasemissionen. (Umweltbundesamt Texte 38/2020).

Dessau-Roßlau, 2020. Online unter: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2020-06-15_texte_38-2020_wirkung-tempolimit_bf.pdf, letzter Abruf: 06.09.2020.

Artikel “Risiko Tempo” im Straubinger Tagblatt vom 22.07.2020 (dpa).