Auf den Spuren der Gemeinwohlökonomie

Mit dabei seit 2011

Während es für die Bewohner der Ortschaft Tettnang am Bodensee vermutlich nichts besonderes mehr ist, überrascht uns an der Zieladresse angekommen ein moderner Gebäudekomplex mit Holzfassade, eigens eingerichteter Busverbindung und futuristischer Outdoor-Kletterwand. Zu viert sind wir zum Firmensitz und gleichzeitig einem der Produktionsstandorte des Sportartikelherstellers Vaude gefahren. Der eigenen Firmenwebseite zufolge bezeichnet sich das Unternehmen als „nachhaltig innovative[r] Outdoor-Ausrüster“ und folgt seit 2011 nicht mehr nur der Umwelt- sondern auch der Gemeinwohlökonomie-Bewegung. Bereits zum zweiten Mal hat es 2018 eine Gemeinwohlbilanz erstellt und sich bereit erklärt, uns einige Fragen rund um das Thema zu beantworten.

 

 

Leinen los Richtung Nachhaltigkeit

Dass es wahrscheinlich ein steiniger Weg zum nachhaltigen Wirtschaften ist, haben wir uns schon gedacht und so interessiert es uns zunächst, wie man den Umstieg eigentlich schafft.

Angefangen hat das Unternehmen mit einigen kleinen Projekten im ökologisch-sozialen Bereich und wurde sich recht schnell bewusst, dass man damit nicht besonders weit käme. Ganz oder gar nicht, hieß die Frage. Und Vaude entschied sich für ganz.

Darum musste zunächst relativ viel Aufwand in die Kommunikation mit den Mitarbeitern gesteckt werden, denn nur wenn alle an einem Strang zögen, könne man sich den neuen Herausforderungen stellen, so die Leiterin der Nachhaltigkeitsakademie und Unternehmensentwicklerin Lisa Fiedler, die uns herumführt.

Der enge Kontakt zu den Arbeitnehmern ist schließlich bis heute erhalten geblieben. Über ein eigenes Netzwerk können sie Veränderungen am Arbeitsplatz anregen. Bei unserer Führung über das Firmengelände entdecken wir viele von den Mitarbeitern initiierte Dinge wie beispielsweise eine Garderobe zum Tauschen von Kleidern mit Kollegen oder einen Schrank, in dem man sein zu viel Eingekauftes oder Geerntetes teilen kann.

Für die Mitarbeiter stehen außerdem eine eigene Bio-Kantine, kostenlose Sportkurse und e-Bikes für den Weg zur Arbeit zur Verfügung.

 

 

Nächste Stufe: GWÖ-Bilanzierung

Vaude wünscht sich, dass ein Unternehmen nicht nur am Preis seiner Produkte und seiner Wirtschaftlichkeit gemessen wird, sondern dass auch sein ökologisches und soziales Handeln von Kunden, Geldgebern und Investoren berücksichtigt werde. Die GWÖ-Bilanzierung ist ein gutes Mittel zur Erfassung solcher nicht in Geldsummen ausdrückbaren Kriterien und stellt eine Vergleichsbasis dar. Sie sei wertvoll für die Kommunikation nach außen, indem sie einen Spiegel aufstelle. So sieht man, wo man steht, meint Frau Fiedler. Unternehmen würden auch dazu veranlasst, sich mit unangenehmen Fragen zu befassen und Handlungsbedarf aufzudecken. Die Bilanzierung ist und bleibt aufwändig. Zwar wird man mit der Zeit effizienter, doch es müssen viele Faktoren manuell und subjektiv bewertet werden.

Aber für rausgeschmissene Zeit hält Frau Fiedler die Arbeit an der Matrix nicht. Schließlich seien die Informationen auch für die Unternehmensführung relevant. Datenerhebungen fürs Management seien nichts ungewöhnliches, nur unterscheiden sich die in der Matrix abgefragten Kategorien eben ein wenig von den konventionellen Parametern. Im Großen und Ganzen fände sie die Kategorien der Matrix schon gelungen, aber klar, nicht alles sei ideal. Die Wahl der Führungskräfte sei beispielsweise so eine Sache: Vaude ist ein Familienunternehmen mit einem gewissen Grad an Mitbestimmung seitens der Mitarbeiter, aber eine eindeutige und historisch gewachsene Leitung sei durchaus nicht verkehrt, findet sie. Ebenso solle die Lohnvergabe nicht im Team diskutiert werden. Problematisch ist auch, dass die Matrix von einem bereits veränderten System ausgehe, was aber (noch) nicht der Fall ist, und so gewisse Kriterien nicht erfüllbar seien. Konkret wird in der Matrix beispielsweise bewertet, wie sehr Vaude mit Konkurrenten kooperiert, also beispielsweise Aufträge an Mitunternehmen abgibt und seine Technologien offenlegt. Das sei aber momentan noch nicht umsetzbar, weil quasi kein Konzern selbstlos handeln würde.

 

 

Ein Konzept mit Zukunft?!

Das der finanziellen Mehraufwand, den das Unternehmen durch seine Ideale auf sich nehmen muss, ein Stück weit an die Kunden weitergegeben wird, streitet Frau Fiedler nicht ab. Aber sind die Käufer bereit, diesen Aufpreis zu zahlen, auch wenn der Trend der Nachhaltigkeit eines Tages vielleicht vorbei geht? Sie mache sich da keine Sorgen. Das gesellschaftliche Bewusstsein über die Verantwortung gegenüber der Umwelt und anderen Menschen sei keine typische Trendwelle sondern ein fortschreitender, sich entwickelnder Prozess.

Aber schafft das Weiterdenken dieses Gedankens nicht Stück für Stück den übermäßigen Konsum ab? Wie kann ein Unternehmen, das doch vom Verkauf von Produkten lebt, 100 Prozent ehrlich für konsequente Nachhaltigkeit stehen? Frau Fiedler sieht da keinen Widerspruch. Der Verkauf sei jetzt das Hauptgeschäft. Aber niemand sage, dass dem in 20 Jahren auch noch so sein müsse. Stolz führt sie uns in die Reparaturwerkstatt, wo mehrere Näherinnen eifrig am Werk sind, zurückgegangene Produkte wieder funktionsfähig zu machen. Nur einen geringen Teil ihres Geschäftes macht dieser Zweig heute aus. Aber in Zukunft… – wer  weiß?

Eigentlich seien sie mit ihren Ideen der Zeit ein wenig voraus, so Frau Fiedler. Eine dieser Ideen ist es, Produkte nicht nur zu verkaufen, sondern auch zu verleihen. Nicht jeder, der ein Mal campen möchte, brauche schließlich ein eigenes Zelt, dass dann im Keller verschwindet. Aber um das in größerem Stil als bislang umsetzen zu können, müsse erst noch ein gewisses Umdenken in der Bevölkerung stattfinden.

Seid neustem gibt es im Produktionsstandort Tettnang auch eine professionelle Upcyclingwerkstatt, wo Designer sich überlegen, wie man Reststücke aus der Produktion verwerten könnte.

 

Fleece aus Holz statt Plastikflaschen

Gerade im Bereich Outdoorausrüstung werden besonders hohe Ansprüche an die Funktionalität der Produkte gestellt. Es ist schon schwer genug, Wasserdichtheit, Atmungsaktivität, Robustheit und Leichtigkeit zu vereinen. Noch schwieriger ist es mit der Umweltverträglichkeit, denn die Materialien dienen schließlich gerade dem Zweck, Wetter und Natur zu trotzen. Folglich sind sie besonders schlecht ökologisch abbaubar. Langlebiges Mikroplastik, das sich durchs Waschen aus der Kleidung löst, belastet die Meere. Außerdem kommt in vielen Produkten Polyvinylchlorid (PVC) zum Einsatz – ein gesundheitsgefährdender Kunststoff. In Vaudes deutschem Produktionsstandort in Tettnang wird komplett auf PVC verzichtet und bis 2020 soll dies auch in den anderen Produktionsstandorten der Fall sein[1]. Besonders strenge Kriterien in Bezug auf die Umwelt und faire Arbeitsbedingungen erfüllt die diesjährige Green Shape-Winterkollektion von Vaude. Tencel beispielsweise ist ein Fleece komplett aus Holz- statt Kunststofffasern – eine Innovation für die gesamte Branche.

 

 

Und was nun?

„Was denken Sie, wie es weitergehen soll, mit der Wirtschaft?“ Tja, eine schwierige Frage. Sie glaube an eine Veränderung von innen heraus, sagt Frau Fiedler. Erst wenn eine repräsentative Masse an Unternehmen sich ändere und Richtung Nachhaltigkeit tendiere, würde sich auch in der Politik etwas bewegen. Das ist natürlich ein langwieriger Prozess. Deshalb fragen wir Frau Fiedler, wie wir und ihr auch jetzt schon dazu beitragen können. Richtig konsumieren, meint sie lachend. Und mutig im Laden nachfragen, woher die Produkte vor euch kommen und wie sie produziert wurden. Es sei sehr schwierig herauszufinden, welche Unternehmen es mit der Nachhaltigkeit ehrlich meinen. Aber deswegen sollte man nicht den Kopf hängen lassen. Es sei unser Recht als Konsumenten, zu wissen, was wir kaufen. Und Ehrlichkeit zu fordern ist schließlich kein Verbrechen.