Aus dem Leben eines Plastikliebhabers

Ich liege in meinem gemütlichen Polyesterbett, da unterbricht der Wecker meine wunderschönen Träume. Meine Laune bessert sich aber schlagartig, als ich das Bad erreiche und mein wunderbares Sortiment an hygienischen Einwegprodukten sehe. Ein Hoch auf den technischen Fortschritt!
Ich mache mir einen Kapselkaffee und öffne meinen plastikverpackten Jogurt. Ich füttere den gelben Sack und bin stolz darauf, nicht nur zur Mülltrennung beizutragen, sondern mir auch das Geschirrspülen zu sparen.

Danach fahre ich zur Arbeit, um meine anspruchsvolle Tätigkeit als „Packaging Solutions Assistant Controller“ (Fußnote: Vornehmliche Arbeit: Bedienung von Verpackungsmaschinen) Dabei kann ich gar nicht damit aufhören das wundervolle, ansprechende Design der Verpackungen zu bewundern. Leider muss ich acht Stunden später immer schon wieder aufhören, da ich mein Überstundenkontingent schon längst überschritten habe.

Auf dem Heimweg, als ich mal wieder an der roten Ampel stehe, muss ich den Anblick eines sogenannten "Bioladens" und der dazugehörigen, sich jeglichem Fortschritt verweigernden Szene ertragen. Ha, die können einpacken mit ihren Papiertüten denke ich hämisch als es anfängt zu regnen. Da fällt mir ein: Ich muss selber noch einkaufen. Nicht im naheliegenden Bioladen! Das wäre für mich moralisch nicht vertretbar. Stattdessen fahre ich zu meinem Lieblingssupermarkt ans andere Ende der Stadt.

Am Kühlregal hellt sich meine Laune wieder auf: Beinahe alle Produkte sind zu meiner eigenen Sicherheit in hygienischen Frischeverpackungen eingeschweißt. Sogar im erfreulich kleinen Bioregal wird die Milch mittlerweile in Getränkekartons angeboten. Einzig die Mehl- und Zuckerhersteller sind noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Und was muss ich an der Kasse erleben? Direkt vor mir verlangt eine Ökotante ernsthaft, dass ihr keine Plastiktüte gegeben wird. Geistesgegenwärtig schafft es die Verkäuferin aber dies zu überhören. Kopfschüttelnd über die verrückt gewordene Welt mache ich mich auf den Weg nach Hause. Dort lasse ich den Tag mit einer Tüte Chips und einem Bier aus der Plastikflasche ausklingen. Man muss sich schließlich selbst treu bleiben!

Annabelle, Paula, Tobias