Steigerwald

Urwald statt Fichten
Der Nördliche Steigerwald wird hoffentlich bald Nationalpark. Die "grüne Lunge" der Erde schrumpft, das weiß jeder. Wir bekommen immer wieder mitgeteilt, wie viele Fußballfelder Regenwald jeden Tag in Brasilien oder auf Borneo abgefackelt werden. Dagegen tun können wir wenig.

90 Prozent Wald
Die Lage des deutschen Urwalds ist bei genauerem Hinsehen viel dramatischer. Dieser ist nämlich schon fast vollständig verschwunden. Ursprünglich waren 90 % der Landesfläche mit Wald bedeckt, weshalb Deutschland berühmt war für seine dunklen Buchenurwälder. Die Römer etwa fürchteten sich vor gut 2000 Jahren darin, weil ihnen germanische Stämme dort jederzeit auflauern und sie überfallen konnten.

Verantwortung für die Buche
Heute wächst die Buche nur noch auf gut vier Prozent der Landesfläche. Mit "Urwald" hat das aber meist nichts zu tun, denn der Großteil wird intensiv forstwirtschaftlich genutzt. Dabei hat Deutschland eine große Verantwortung, wenn es um den Schutz seiner ursprünglichen Buchenwälder geht. Denn die Buche kommt nur in Mitteleuropa vor, die Bundesrepublik liegt also im Zentrum des Verbreitungsgebiets.

Schonender Umgang mit dem Wald
Im Steigerwald gibt es einige Gebiete, für die es kein weiter Weg zurück zum echten mitteleuropäischen Urwald wäre. In der dünn besiedelten Region zwischen Würzburg und Bamberg zerschneiden nur sehr wenige Straßen oder Stromleitungen den Buchenwald. Weil mit dem Wald hier schon seit vielen Jahrhunderten schonend umgegangen wird, sind große Flächen bis heute noch sehr naturbelassen. Stets ließ man bei der Holzernte auch einige der sehr alten Buchen stehen - das machte man sonst fast nirgendwo. Dafür gibt es heute einen mehrschichtigen Wald: 350 Jahre alte Bäume überragen solche im vergleichsweise noch recht jugendlichen Alter von 200 Jahren.

"Fichten, Fichten, Fichten"
Nur in den 1960er Jahren waren die fränkischen Buchenwälder einmal kurzzeitig in Gefahr. Das Forstamt Ebrach setzte auf Nadelhölzer und begann, die Buchen abzuholzen. Doch 1972 übernahm LBV- und BN-Mitglied Georg Sperber den Posten als Forstdirektor und steuerte gegen. Sein Lieblingssatz: "Willst du deinen Wald vernichten, pflanze Fichten, Fichten, Fichten." Auch heute sieht der 81-Jährige - wie in den 60er-Jahren - eine Tendenz hin zum allein profitorientierten Wald mit Fichten, Fichten, Fichten.

Mit Totholz zu mehr Vielfalt
Deshalb ist seiner Meinung nach ein Nationalpark nötig, um das zu schützen, was noch intakt ist. Die großen Naturschutzverbände in Bayern (LBV, BN) und viele Menschen vor Ort sehen das genauso: In den fränkischen Buchenwäldern sollen die Riesen mit der glatten Rinde wieder altern, kränkeln, absterben und vermodern dürfen. Gerade Totholz garantiert nämlich die Artenvielfalt im Wald. Der Eremit zum Beispiel ist ein seltener Käfer, der in abgestorbenen Baumstämmen lebt. Dieser wurde in einem kleinen Naturreservat im Steigerwald wiederentdeckt. Die Freude über den Käfer war groß, denn damit er sich wohlfühlt, muss der Wald in einem sehr naturnahen Zustand sein. In der Region, das wurde damit klar, ist für die Natur viel möglich.

Gegner schüren Angst

Warum gibt es den Nationalpark dann noch nicht? Seit mehreren Jahren wird diskutiert, gute Argumente gibt es genug. Trotzdem ist nicht absehbar, ob es klappen wird. Die Gegner machen Stimmung: Arbeitsplätze in Sägewerken gingen angeblich verloren, es fehle der Region an Brennholz für harte Winter! Außerdem hat man Angst, dass niemand mehr im Wald wandern darf und dass Waldbesitzer enteignet werden könnten.

Angst ohne Grund

Im Steigerwald gibt es genügend Brennholz, selbst wenn ein kleiner Teil vom Naturpark zum Nationalpark würde. Zusätzlich würde der Tourismus angekurbelt werden, denn mit dem Status eines Nationalparks würden mehr Menschen die Buchenwälder sehen wollen. Das bringt Geld und Arbeitsplätze. Und Wanderwege würden sogar ausgebaut und besser markiert, damit die Besucher möglichst viel vom Park zu sehen bekommen. Waldbesitzer haben nichts zu befürchten, da ausschließlich Staatswald zum Nationalpark werden soll.

Man muss also hoffen, dass sich die Argumente der Befürworter gegen die Gegner des Nationalparks durchsetzen können. Schließlich haben wir auch eine ethische Verantwortung: Erst dann, wenn unser heimischer Urwald endlich geschützt ist, dürfen wir uns wieder über die Abholzung des tropischen Regenwaldes empören. 35 Fußballfelder fallen dort den Kettensägen zum Opfer - pro Minute!

Info-Box:
Gründung: als "Naturpark Steigerwald" im März 1988, Nationalpark: kommt hoffentlich noch
Fläche des Naturparks: 128.000 ha
Fläche des angestrebten Nationalparks: etwa 11.000 ha, also weniger als 10 Prozent der Naturparkfläche
Lage: im Schnittpunkt von Unter-, Mittel- und Oberfranken
Ziel: Erhaltung der Biodiversität in ursprünglichen Buchenwäldern

Johannes Kronau

Quellen:
SPERBER, Georg: Ein Nationalpark für Franken. In: Sonderdruck aus der Zeitschrift "Nationalpark"; Nr. 136; 2/2007.
VON BREDOW, Rafaela: Zurück zum Urwald. In: DER SPIEGEL 1/2008, S. 114 - 116.
SPERBER, Georg: Frankens Naturerbe. In: VOGELSCHUTZ 2/2010, S. 6 - 11.
Internet:
Ja-zum-Nationalpark-Steigerwald.de (10.10.2013)
freundeskreis-nationalpark-steigerwald.de (10.10.2013)
Regenwald.org (24.09.2013)