Ist der Hamster noch zu retten?

Als vor Tausenden von Jahren zum ersten Mal Milch gemolken und das erste Getreide gezielt gesät wurde, hätte sich niemand auch nur annähernd die heutigen Ausmaße der industriellen Landwirtschaft ausmalen können. Der Fortschritt kam schleichend, und die Natur hatte mehr als genug Zeit, sich an die Veränderungen durch Menschenhand anzupassen - bis vor ca. 200 Jahren.

Die moderne Landwirtschaft ist eigentlich keine Landwirtschaft mehr, sondern eine Industrie. Zwar gibt es sie noch, die familienbetriebenen kleinen Bauernhöfe, aber der Großteil der landwirtschaftlichen Produkte wird von Agro-Konzernen erwirtschaftet. Ein Feld, soweit das Auge reicht, gewaltige Erntemaschinen, Kunstdünger, Gifte gegen Unkraut und Schädlinge - das hat nichts mehr mit dem kleinen bunten Ackerland aus dem Bilderbuch zu tun.

Manche dieser Gifte wurden schon im Vietnam-Krieg als Waffen eingesetzt - heute werden Pflanzen gentechnisch derart verändert, dass sie die einzigen Organismen sind, die das Gift überleben. Man könnte meinen, moderne Landwirtschaft bedeutet Krieg zu führen gegen die Natur.

Über die Jahrtausende hat sich eine äußerst artenreiche Kulturlandschaft entwickelt, in welcher hunderte Tierarten und ebenso viele Pflanzenarten einen Lebensraum gefunden haben. Insbesondere die unterschiedlichen Wiesenflächen an trockenen, bergigen oder nassen Standorten, welche durch die Beweidung mit Rindern, Pferden, Schafen und Ziegen entstanden sind, weisen eine enorme Artenvielfalt auf. Aber auch das Ackerland, welches traditionell von Hecken umsäumt wird, bietet vielen Tieren einen Lebensraum und beherbergt zahlreiche sogenannte Acker-"Un"-kräuter. Vielen Arten ist dieser Lebensraum und der Zusammenhang mit der Landwirtschaft auf die Stirn geschrieben: Feldspatz und Feldhummel, Ackerklee und Kornblume, Wiesenknopf und Wiesenweihe, Schafstelze und Schafgarbe, Ziegenmelker und Kuhschelle, um nur ein paar zu nennen. In unserer traditionellen, vielfältigen Agrarlandschaft hatten (und haben) sie alle ihren Platz, seit Beginn des Einsatzes von Spritzmitteln und modernen Gerätschaften geht es ihnen jedoch mehr und mehr an den Kragen.

Ein Grab im Kornfeld, das ist immer frei...
Allein das Vernichten der zahlreichen Hecken war ein harter Schlag in die Magengrube der Artenvielfalt, etliche Vogelarten und kleine Säugetiere wie Igel und Spitzmäuse (die meisten dieser Tiere sind Insektenfresser) verloren dadurch ihre Verstecke und Nistplätze - der Mensch hat seine Helfer selbst beseitigt. Der großflächige Anbau einzelner Feldfrüchte begünstigt dann noch ein Massenaufkommen von Schädlingen. Mit dem Einsatz von Giften ist der Artenschwund besiegelt.

Und dann kommt da inzwischen ja noch die Gentechnik ins Spiel. Hierbei werden Pflanzen (und unter Umständen bald auch Tiere) gentechnisch so in ihrem Erbgut verändert, dass sie zum Beispiel mehr Ertrag bringen, resistent gegen giftige Spritzmittel oder gegen Krankheiten sind. Da alle Getreidearten (dazu gehört auch der Mais) eigentlich Gräser sind, besteht die große Gefahr, dass durch Bestäubung diese genetischen Veränderungen ihren Weg in die freie Natur finden, sich aber dort unter Umständen anders auswirken. Wie, das weiß niemand ganz genau und darin liegt ein großes Risiko!

Wir können entscheiden

Und der Feldhamster? Dem geht es wie den meisten Tier- und Pflanzenarten der Agrarlandschaft, er ist kurz vorm Verschwinden. Nur mit gezielten Maßnahmen kann ihnen noch geholfen werden. Sein Überleben hängt, wie das aller Lebewesen der Wiesen und Felder, allein von uns ab. Wir müssen das, was schon kaputt ist, schnell wieder in Ordnung bringen. Jeder Einzelne von uns muss sich aber beim Einkauf an die eigene Nase fassen: Nur ein Bauer, der von seinem Einkommen leben kann, wird beim Schutz der Landschaft helfen. Dass Billigmilch und -fleisch oder Brötchen für zehn Cent dazu nicht gerade beitragen, sollte jedem klar sein. Also bitte, kauft ökologisch produzierte Lebensmittel mit dem Bio-Siegel oder aber regionale Produkte vom Bauern. Wir sind diejenigen, die das kaufen, was in der Landwirtschaft erzeugt wird, und deshalb bestimmen wir jeden Tag mit unserem Einkauf, wie unsere Kulturlandschaft aussieht und ob sie Platz für den Artenreichtum an Tieren und Pflanzen bietet, oder nicht. Wir müssen und wir können die Bauern unterstützen, um die Vielfalt unserer Agrarlandschaft zu bewahren, damit wir auch in 50 Jahren noch Schäfer mit ihren Herden umherstreifen und farbenprächtige "Unkräuter" zwischen den Getreidehalmen blühen sehen können!

Richard Brode