„Unerforschtes Land, ähm Wasser“ – ein Ausflug in die Tiefe

Los geht´s!
Wir steigen in eine futuristische Raumkapsel und schnallen uns fest an. Die Kuppel über unseren Köpfen wird geräuschvoll verschlossen. Seid ihr bereit? Dann kann es losgehen. Wir starten in eine unbekannte Galaxie aus schwarzer Dunkelheit, eisiger Kälte und sehr hohem Druck. Doch fliegen wir nicht in die Höhe, sondern wir sinken in die Tiefe der Meere – hierher kommt man nur, wenn man sich auf die dort herrschenden Gesetze einstellt. Auf unserem Weg in die Tiefe treffen wir auf die unterschiedlichsten und bizarrsten Tier- und Pflanzenarten, die verschiedene Strategien benutzen sich vor Räubern zu schützen, Beute zu jagen oder sich zu wehren.

Kunterbunte Unterwasserwelt
Wir werden von roten und blauen Seesternen und zahlreichen bunten Fischen begrüßt. Die Farbe an sich kann man aber nur wenige Meter unter der Wasseroberfläche sehen, sonst sind das wunderbare Grauschattierungen, die die Fische als Tarnung im Riff nutzen. Das Licht wird schon in den ersten Wasserschichten gebrochen, so dass man hauptsächlich ein bläuliches Schimmern sehen kann. Oh, glibberige Quallen, die pulsierend davon schweben! Doch wehe, man berührt sie! Quallen sind Nesseltiere und haben kleine giftbesetzte Widerhaken an den Tentakeln, die bei Kontakt herausgeschleudert werden. Also aufgepasst! Die Tiere können sich wehren!

Ohne Teamwork geht nix!
Und jetzt sinken wir langsam auf einen aufragenden bunten Steinhaufen aus Korallen! „Sind das Tiere oder Pflanzen?“ Das sind Abermillionen kleiner Tiere, die Korallenpolypen. Jedes Ärmchen ist ein eigenes Tier mit Mundöffnung und Tentakeln. An seinem Fuß wird beständig Kalk ausgeschieden, ein Nebenprodukt ihres Stoffwechsels. So wachsen die Korallenkolonien ständig dem Licht entgegen. Wahre Baumeister! „Und warum brauchen sie Licht und sind so bunt?“ Ein Korallenpolyp kann nicht alleine leben. Er hat pflanzliche Freunde – Symbionten genannt – in seinem Körper, die sogenannten „Zooxanthellen“ . Die symbiontischen Algen betreiben mit Licht Photosynthese und bieten den Korallen den entstandenen Zucker als Nahrung an. Dafür erhalten die Algen einen gefahrfreien Lebensraum und werden durch die Abfallprodukte der Koralle immer gedüngt. Leuchtet man Korallen mit einer Blaulicht-Lampe an, so fluoreszieren diese Tiere in allen Farben (siehe Bild). Diese Fluoreszenz kann die Algen bei zu starker Lichteinstrahlung vor Sonnenbrand schützen. Also echte Teamarbeit!

Es geht runter in den Abgrund...
Wir sinken langsam tiefer und sehen ein paar lustige Röhrenwürmer, die ihre Fächer ausgebreitet haben und nach Plankton fischen. Schwups, haben sie auch schon ihren Fächer wieder eingezogen. Auch viele Röhrenwürmer haben Freunde, die ihnen das Leben in Dunkelheit und Kälte ermöglichen. Es sind Bakterien, die gerne giftige Schwefelverbindungen verwerten und diese Schwefelverbindungen (z.B. Schwefelwasserstoff) sinken beim Abbau organischer Substanzen in die Tiefe. Das ist leichte Kost für die Bakterien, aber schwere Kost für alle anderen Tiere! Hier helfen sich Bakterien und Röhrenwürmer, wenn es kein Sonnenlicht mehr gibt. 

Vor Jahren haben Forscher noch gedacht, dass in diesen unwirklichen Tiefen keine Lebewesen anzutreffen sind. Doch heute entdeckt man immer wieder neue Arten, die ganz unterschiedliche Wege finden ohne Sonnenlicht und bei hohem Druck zu überleben. Kleine Krebse sind gut gegen den tonnenschweren Druck gepanzert, und die Organe der Fische werden durch eine druckbeständige Schwimmblase geschützt. Aber auch lebensfeindliche Orte, wie heiße Schlote und Schwefelablagerungen, werden mit Hilfe von Symbionten wie Bakterien zu einem Lebensraum gemacht.

Der Anglerfisch und seine Freunde
Reist man weiter in die Tiefe schwirren oft blitzende und blinkende Geschöpfe vor die Luke. Da, schon wieder! Wir haben Glück: ein Tiefsee-Anglerfisch! Gruselig! Aber anscheinend mögen seine bakteriellen Freunde ihn recht gern. Sie leben in seiner „Angel“ und können diese Lichtblitze durch mechanische Reizung mittels Biolumineszenz erzeugen. Tiere in dieser Tiefe sind sehr lichtempfindlich und werden von Lichtquellen angezogen. So kann der Anglerfisch nach seiner Beute fischen. Er selbst hat als Tastorgan viele zottelige Barteln. Die Lichtblitze und Leuchtorgane der Tiefseefische dienen aber auch zur Ablenkung von Räubern und als Kommunikationsmittel zum Beispiel bei der Partnererkennung. 
Auch wenn es kaum fassbar ist, die Artenvielfalt in dieser unwirklichen Welt fernab der Sonne ist riesig. Und wir haben noch längst nicht alle Geheimnisse der Tiefe entdeckt!

Andrea Denzel

Quellen:
Zawada et al (2003): Changes in fluorescence of the Carribbean coral Montastraea faveolata during heat-induced bleaching, Limnology Oceanograph, 48, 412-425 
Hastings et al. (1998): Photons for reporting molecular events: Green fluorescent Proteins and four Luziferase Systems. New York, Wiley-Liss.