Umweltpiraten Ahoi!

Somalia zählt zu den ärmsten Ländern der Welt und seine Küste zu den gefährlichsten. Dort regieren nämlich Piraten und erpressten sich seit 2002 auf brutalste Art und Weise Geld in Millionenhöhe. Positiver Nebeneffekt: Die Unterwasserwelt hat sich seit dem Piratenregime derart erholt, dass sogar als verschwunden geltende Fischarten wieder auftauchen.

Die Hintergründe

Eigentlich wollten die Fischer Somalias einfach nur wieder ihre Familien ernähren können. Seit dem Sturz des autoritären Regimes unter Siad Barre 1991 befindet sich das Land in einem nicht enden wollenden Bürgerkrieg. Die ständig wechselnde Übergangsregierung hat nicht einmal die Hauptstadt vollständig unter Kontrolle. Dabei ist Somalia mit seinen rund 368.000 km² fast doppelt so groß wie Deutschland. Der größte Teil Somalias fiel schließlich in die Hände von lokalen Clans, Kriegsherren und radikal-islamischen Gruppen. Die Nachtbarstaaten nutzten die Lage aus und schickten z.B. illegal Wildfangschiffe an den Golf von Aden um ihn fast leer zu fischen oder ihren radioaktiven Müll dort zu entsorgen. Somalias Küste verkam zu einem Umweltproblem mit mehr als 3,000 km Länge.

Maschinengewehre statt Fischernetze
Politische Ohnmacht, Hunger und Verzweiflung trieb die örtlichen Fischer schließlich dazu, ihre Fischernetze gegen Maschinengewehre auszutauschen: Sie eigneten sich seeräuberische Kenntnisse an und nahmen ihr Recht selbst in die Hände. Es blieb aber nicht bei der bloßen Verteidigung der Fischerei-Rechte, denn die Piraterie gestaltete sich als viel lukrativer. So machten die Piraten vor Somalia immer wieder mit ihren spektakulären Übergriffen internationale Schlagzeilen, zuletzt mit dem deutschen Frachter der „Susan K“, der Mitte Juni gekapert wurde.

Als verschwunden geltende Fische kehren zurück
Wer also nicht unbedingt durch den Golf von Aden fahren muss oder schwere Waffen mit sich führt, vermeidet dies tunlichst – aus Angst vor Übergriffen. Doch gerade in dieser traurigen Tatsache steckt eine echte Chance für Somalias Küste: die Unterwasserwelt regenerierte sich im Zuge der Piraterie und die Artenvielfalt stieg wieder rapide an. Greenpeace-Mitarbeiter Hassan Farah Obaidullah berichtet, dass mittlerweile auch die somalischen Fischer die Artenvielfalt spüren. Ihre Fänge haben sich seit dem Piratenregime mehr als verdoppelt und es tauchen als verschwunden geltende Fischarten wie der Barrakuda oder der Schnapperfisch wieder auf. 

Daneben haben sich auch Thunfische und Sardinen, Doraden, Barsche, Haie und Hummer wieder erholt und fühlen sich vor Somalia wohl. Es soll sogar mehr Fische geben, als gefangen werden können – den Piraten sei Dank. Außerdem traut sich auch niemand mehr, Müll in somalischen Gewässern zu verklappen. Die Financial Times schlägt sogar vor, Somalias Piraten sollten mal über ihr Image nachdenken und sich als Umweltaktivisten rebranden.

Fazit
Fischreichtum hin oder her: Somalia mag in der Hinsicht auf ironische Weise einen glücklichen Fall darstellen. Das globale Problem der Überfischung wird durch die Piraten aber nicht gelöst, dazu ist der Küstenbereich vor Somalia zu klein. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen sind derzeit etwa achtzig Prozent der weltweiten Bestände mittlerweile überfischt oder bis an die Grenzen ausgebeutet. Mit Gewalt lässt sich dieses Problem sicherlich nicht lösen. 

Außerdem handelt es sich bei den Piraten vor Somalia längst nicht mehr um die einst verzweifelten Fischer, die um ihre Rechte kämpfen, sondern um skrupellose wirtschaftliche Terroristen, die vor keinem Blutbad zurückschrecken. Robin Hoods der Meere wollen manche von ihnen sein – und das Geld der reichen Industrieländer in die eigene Region bringen. Dass dabei viel Rauschgift, Millionenschäden für andere und Tote auf beiden Seiten im Spiel sind, ist den Piraten egal. Hauptsache die Kasse stimmt. Ob diese Haltung so heldenhaft ist, bleibt fragwürdig.

Vanessa Vu

Quellen:
www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,671468,00.html 
denkpass.de/2010/04/somalias-piraten-als-umweltaktivisten/ 
www.zeit.de/online/2009/17/piraten-somalia