Das Leben, das aus dem Meer kam...

Alle Lebewesen auf dem Land stammen von Vorfahren ab, die im Meer vor hunderten Millionen Jahren lebten. Aber wie sind die Fische ans Land gekommen – und vor allem warum?

Wer betrat als Erster das Land?
Im Zeitalter des Devon vor 380 Millionen Jahren gab es eine Gruppe von Fischen, die zwei Paar kräftige und muskulöse Flossen hatten. Zu diesen Fischen, den sogenannten „Fleischflossern“, zählte auch der Quastenflosser, über den ihr auf Seite 22 einen Artikel findet. 
Von einem nahen Verwandten des damaligen Quastenflossers nimmt man an, dass er der Vorfahre aller heute lebenden Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere ist. Dieser Eusthenopteron hatte einen stromlinienförmigen Kopf, einen Flossenschwanz und Kiemen - war also im Prinzip ein richtiger Fisch. Aber er hatte zusätzlich eine Lunge, die es ihm ermöglichte, an Land Luft zu atmen. Seine Vorderflossen besaßen schon richtige Oberarmknochen sowie Elle und Speiche. Am Ende seiner Gliedmaßen hatte er aber noch die typischen vielstrahligen Flossen der Fische. 
Übrigens gibt es heute noch Fische in Afrika und Australien, die Luft mit Lungen atmen können, wenn ihre Tümpel austrocknen.

Das Werkzeug für´s Landleben
Ihre kräftigen Flossen ermöglichten es den ersten Vierbeinern, sich mehr oder weniger watschelnd über den Boden zu bewegen. Diese ersten richtigen Beine waren noch seitlich vom Körper abgespreizt, wie es heute noch bei den Eidechsen zu sehen ist. Versteinerungen verraten uns, dass anfangs mehrere Arten von Fischen die vierfüßige Fortbewegung an Land versuchten. Einige Millionen Jahre nach dem ersten Landgang hatten die Fische richtige Finger und Zehen entwickelt und waren somit zu den ersten Lurchen geworden, die auch längere Zeit an Land überleben konnten. Interessanterweise gab es neben fünfzehigen Lurchen damals auch Formen mit sechs, sieben oder sogar acht Fingern und Zehen. Sie hatten noch einen Fischschwanz, aber sahen schon eher aus, wie ein 1,5 Meter langer Molch mit kleinen, spitzen Zähnen. Ihre Haut war derb und schuppig, um den Körper vor Austrocknung zu schützen. Aus dem Zeitalter des Karbons (vor 290 bis 250 Millionen Jahren) sind sogar versteinerte Kaulquappen erhalten, daher glaubt man, dass die ersten vierbeinigen Landbewohner ihre Eier ins Wasser legten und die schlüpfende Brut als Kaulquappen eine Zeit lang im Wasser lebte.

Warum das Meer verlassen?
Das Klima auf der Erde war im Devon heiß und trocken. Viele Seen trockneten oft aus, was die Fische darin in eine missliche Lage brachte, was wiederum einige unter ihnen dazu veranlasste, sich zu Fuß über Land auf den Weg zu einen noch nicht ausgetrockneten See oder Fluss zu machen. Nebenbei ergab sich quasi auf dem Weg eine völlig neue Nahrungsquelle in Form von Landpflanzen, Insekten und Spinnentieren, die den Sprung auf das Land schon länger geschafft hatten.
Der Fisch in uns
Im Devon setzte die Evolution eine Entwicklung in Gang, die schließlich zu uns Menschen führte. Denn aus Fischen wurden Amphibien und Reptilien, aus denen sich wiederum die Vögel und Säugetiere entwickelten. Unser Fischerbe schimmert manchmal noch durch, wenn Babys mit sechs Fingern an den Händen geboren werden, was gar nicht so selten vorkommt.

Christian Schulbert

Quelle:
Fortey, Richard (2002): Leben. Eine Biographie: Die ersten vier Milliarden Jahre. 448 S., Deutscher Taschenbuch Verlag