Jäger und Sammler in der Stadt

Von Wanderfalken und Honigbienen in Großstädten
Lange ist es her, da lebten die Menschen in kleinen Ansammlungen von Hütten inmitten einer unberührten Naturlandschaft. Man(n) ging auf die Jagd, alle anderen sammelten Beeren, Früchte, Wurzeln oder Pilze. Irgendwann fingen die Menschen an, Getreide auf eigenen Feldern anzubauen. Tiere wurden nicht mehr mühsam gejagt, sondern gleich als Haustiere gehalten. Aus kleinen Dörfern wurden Städte, aus Städten wurden Metropolen. Gejagt wird heute nur noch nach dem großen Geld. Gesammelt werden keine Beeren, sondern Briefmarken (wahlweise auch Pokemon- oder Yu-Gi-OH!-Karten). Haustiere hält man nicht mehr, um sich die zeitaufwendige Jagd zu ersparen, sondern um in der anonymen Welt der Großstadt nicht in Einsamkeit zu versinken. 
Trotzdem gibt es noch Völker von Jägern und Sammlern in der Stadt. Wenn man mit offenen Augen durch die Straßen läuft, kann man sie überall entdecken. In jedem Garten finden sich viele fleißige Sammler ein: Honigbienen. Und am Himmel über den Häusern schießt pfeilschnell der Jäger dahin: der Wanderfalke.

Sammler im Großstadtgrün
Auch bei Honigbienen (Apis mellifera) und Wanderfalken (Falco peregrinus) ist, ähnlich wie beim Menschen, eine „Landflucht“ zu bemerken: während die Zahl in der natürlichen Umgebung abnimmt, steigt der Anteil an „Stadttieren“ stetig an. 
Am Honig der Bienen waren die Menschen schon immer interessiert. Wildlebenden Bienenvölkern in hohlen Baumstämmen wurde immer wieder ein wenig von ihrem Wintervorrat stibitzt. Mit der aufkommenden Landwirtschaft wurden auch die Bienen zu „Haustieren“: Statt hohler Bäume im Wald bekamen sie eine Wohnung in Bienenkörben. Von den Höfen und Dörfern sind sie dann mit in die Städte gezogen. Die Parkanlagen und Gärten bieten ausreichend Blüten, an denen die Bienen sammeln können. Für die Bienenvölker in der Agrarlandschaft wird es dagegen immer schwieriger: die Zahl der Feldgehölze mit abwechslungsreicher Vegetation nimmt ständig ab, es gibt immer mehr großflächigen Anbau nur einer Feldfrucht (Monokultur). In so einer Landschaft blühen und verblühen auch alle Pflanzen gleichzeitig. Danach finden die Bienen keine Nahrung mehr. Die Stadtbienen haben es da deutlich besser: viele unterschiedliche Pflanzen werden liebevoll von Gärtnern gepflegt. Vom zeitigen Frühjahr bis in den späten Herbst finden sich immer genügend Blüten, die die Bienen besuchen können. 

Viele Bienen bedeuten auch eine große Ernte. Deshalb haben Besitzer von Obstbäumen häufig auch Bienenvölker. Hat man eine friedliche Rasse von Bienen, kann man den Honig sogar ohne Schutzkleidung entnehmen. Trotzdem haben viele Menschen immer noch Angst vor unseren fleißigen Mitbewohnern.

Jäger über der Skyline
Auch der schnellste unter unseren Jägern hat den Weg in die Großstädte angetreten. Ursprünglich brütete der Wanderfalke nur in größerer Höhe in Felsnischen. Der Einsatz von Pestiziden (besonders DDT) hat zu einem Zusammenbruch der Population geführt. Erst seit den 1980er Jahren findet eine Wiederbesiedlung in Deutschland statt. Doch die wenigsten Wanderfalken gehen an angestammte Brutplätze, weil sie in den Felsen häufig von Kletterern gestört werden. Stattdessen siedeln sich immer mehr Wanderfalken an Gebäuden an. Besonders Kühltürme und hohe Schornsteine sind beliebte Brutplätze. Aber auch der Fernsehturm am Alexanderplatz in Berlin und die Frauenkirche in München wurden – zumindest zeitweise – als Brutplatz genutzt. Obwohl mitten in der Stadt gelegen, haben die Tiere an diesen Orten doch mehr Ruhe vor den Menschen als in den Felsen. Gerade an Industrieanlagen gibt es einen guten Schutz: die meisten Firmen beschäftigen Sicherheitspersonal. Kein Unbefugter kann das Firmengelände betreten. Auch das Futter ist ganzjährig reichlich vorhanden. Die Menschen füttern die Straßentauben – die Hauptnahrungsquelle der Wanderfalken in unseren Städten. Solange es viele Tauben gibt, ist das Überleben der Wanderfalken in der Stadt gesichert. Auch eine weitere menschliche Einrichtung kommt dem – eigentlich tagaktivem – Jäger zu gute: viele Gebäude werden die ganze Nacht hindurch angestrahlt oder sonst irgendwie beleuchtet. Andere Vögel (besonders Zugvögel, die nachts weite Strecken ziehen) werden von dem Licht angezogen. Fliegen sie darauf zu, sind sie kurze Zeit geblendet und damit eine leichte Beute für den Wanderfalken. So gibt es mehr Futter für die jungen Falken im Nest.

Augen auf!
Leider ist es vielen Menschen in der Stadt nicht mehr wichtig, sich mit der Natur zu beschäftigen. Der Weg aus der Stadt heraus ist ihnen schon zu viel. Vielleicht können die Tiere, die bis zu uns in die Städte kommen, doch noch den ein oder anderen „Naturmuffel“ umstimmen und begeistern.

Boris Jechow

Quellen:
Hintermeier, Helmut und Margit (2000): „Bienen, Hummeln, Wespen im Garten und in der Landschaft“. Obst- und Gartenbauverlag, München 
Mebs, Theodor (2009): „Die nächtliche Jagd des Wanderfalken Falco peregrinus auf Vögel im Scheinwerferlicht von angestrahlten hohen Bauwerken“. Vogelwelt 130, 107-113 
Wegner, Peter (1994): „Die Wiederkehr des Wanderfalken (Falco peregrinus) in Nordrhein-Westfalen“. Charadrius 30, 2-14