Höhenluft für Salat & Co.

Vertikale Landwirtschaft
Die Idee der vertikalen Landwirtschaft ist nicht neu, und doch ist es noch eine Vision. Viele bahnbrechende Neuerungen schienen zunächst unvorstellbar, und wurden irgendwann doch ganz selbstverständlich. Ein gutes Beispiel ist das serientaugliche Elektroauto, um das Autohersteller auf der ganzen Welt derzeit wetteifern. Erst heute wird das Thema in seiner Tragweite erkannt, praktikable Lösungsansätze gab es jedoch schon vor mehr als 100 Jahren! Bereits Ende des 19.Jahrhunderts rollten zahlreiche elektrisch angetriebene Autos in Europa und in den USA, bevor die Erfindung im Museum verschwand. Auch die Vision vom Weltraum-Tourismus erschien vor wenigen Jahren noch als Phantasterei von Leuten, die in ihrer Jugend zu oft „Raumschiff Enterprise“ gesehen haben. Heute ist sie schon Wirklichkeit.

„Warum sollen wir in Hochhäusern leben, aber nicht in Hochhäusern Landwirtschaft betreiben können?“ (D. Despommier)
Doch zurück zur „Landwirtschaft der Zukunft“. Der Mikrobiologe Dickson Despommier, 1940 in New Orleans geboren, forscht seit mehr als zehn Jahren an der New Yorker „Columbia University“ an einem Projekt zur vertikalen Landwirtschaft. Zusammen mit seinen Studenten entwickelte er 1999 die ersten Gedanken dazu. Despommier geht davon aus, dass die Herstellung pflanzlicher Nahrungsmittel künftig nur noch dann mit der wachsenden Weltbevölkerung Schritt halten kann, wenn sie in die Höhe geht – in Hochhäuser. Nicht irgendwo ganz weit draußen in der ohnehin bedrohten Naturlandschaft, sondern direkt in die Metropolen. Dort werden die Nahrungsmittel gebraucht, die Transportwege entfallen somit. 

Im Mittelpunkt des Projekts stehen vielgeschossige Gewächshäuser für den Pflanzenanbau im ganzjährigen Betrieb. Als gläserne Öko-Türme mit angeschlossenen Shops, Restaurants und Flaniermeilen könnten sie sich in jedem Stadtviertel sehen lassen. Sonnenaktive Verglasung in Kombination mit einer gezielten Versorgung der Pflanzen mit Wasser und Nährlösungen sollen den Ernteertrag in diesen City-Bauernhöfen beträchtlich steigern.

Ein Himmel voller Erdbeeren
Die gesammelten Erfahrungen der Gewächshauskulturen könnten genutzt werden: Erdbeeren etwa müssten ihre Wurzeln nicht zwingend in Erdreich einbringen; sie können Wasser und Nährstoffe auch aus der entsprechend bestäubten Luft ziehen. In solchen Gewächshäusern, die von der Außenwelt abgeschlossen wären, hätten die Landwirte eine fast völlige Kontrolle über den Kreislauf. Wasser könnte wiederverwertet werden, Biomasse-Kraftwerke im Keller des Gewächsturms würden Pflanzenabfälle in Strom für den laufenden Betrieb umwandeln. Krankheiten und Unkraut würden ausgeschlossen, vermutet Despommier. Damit entfiele der Einsatz von Herbiziden, Pestizide und synthetische Düngemittel wären tabu. Es würde also biologisch produziert werden. 

Die Planung einer derartigen kompletten vertikalen Farm war in den Niederlanden schon weit gediegen und sie sollte bereits 2001 im Hafen von Rotterdam eröffnen. Auf einer Fläche von 2 Millionen Quadratmetern sollten 300,000 Schweine, 1,2 Millionen Hühner und eine Vielzahl von Pflanzenarten gezüchtet werden. Das sechsstöckige Hochhaus hätte seine Energie aus einer hauseigenen Windanlage bezogen und eine eigene Recyclinganlage betrieben. Doch nach heftiger Kritik in den Medien wurde das Projekt abgeblasen, obwohl selbst das niederländische Landwirtschaftsministerium die Pläne unterstützte.

Menschennah und ressourcenschonend
Das Vorhaben wurde zu Unrecht eingestampft, könnte man meinen, denn vor allem die Ersparnis von schädlichen Düngern und der interne Reinigungsprozess des Gebäudes konkurriert mit dem herkömmlichen Konzept von Landnutzung. Zumal hier auch Transportkosten gespart werden, um die Güter vom Land in die Stadt zu bringen. So hält der Rückschlag in Rotterdam Forscher und Architekten nicht davon ab, sich weiter ihrer Vision zu widmen - zumindest in kleinerem Maßstab als Lehrprojekte, wie z.B. dem „Science Barge“, einem schwimmendem Gewächshaus auf dem Hudson River in New York, das von der Firma „Bright Farm Systems“ gebaut wurde. 

Nun geht es in kleinen Schritten voran, denn offenbar braucht es noch viel Aufklärungsarbeit, um die Bevölkerung von solcherlei Konzepten zu überzeugen. Dass hier menschennah und ressourcenschonend gewirtschaftet werden kann, muss eben doch erst einmal verstanden werden. Die Einsparung von landwirtschaftlicher Fläche in der freien Natur wäre auch eine Chance gegen das Artensterben, denn maßgeblich verantwortlich für den Artenverlust ist ja nicht nur der Klimawandel – es ist auch in den meisten Fällen der Wegfall von Lebensraum durch Städte und Ackerbau. „Urban Farming“ könnte also eine Chance für Mensch, Tier und Pflanze werden – auf dem immer dichter bewohnten Planeten Erde.

Gemüse, das in den Himmel wächst?
Vertikale Landwirtschaft – eine fürwahr hochfliegende Idee. Unkonventionelle Ideen sind allerdings das Gebot der Stunde, weil die herkömmliche Landwirtschaft längst an ihre Grenzen stößt. Ausgelaugte Böden, Ernteschäden und Naturkatastrophen verhindern künftig wesentliche Ertragssteigerungen. Weitere Naturzerstörung durch intensivierte Anbaumethoden verschärft die Probleme und heizt zusätzlich den Klimawandel an. 

Dickson Despommier ist ein Paradebeispiel für visionäres Denken: Bietet uns der traditionelle horizontale Ackerbau keine Zukunft mehr, müssen wir eben in die Vertikale gehen. Gerade in Krisensituationen muss man sich von alten Denkmustern verabschieden, auch wenn die neuen Konzepte gewöhnungsbedürftig, vielleicht sogar verrückt erscheinen. Vielleicht wird´s ja was mit Blumenkohl und Frühlingszwiebeln aus luftiger Höhe. Wir bleiben gespannt und werden es erleben…

Torsten Spicker