„Guerilla Gardening“ – Mission: „Grüner Daumen“

Nach Sonnenuntergang ziehen sie los, bewaffnet mit Gießkannen und Schaufeln, um brach liegende Flächen wie Verkehrsinseln, Hinterhöfe und Seitenstreifen zu begrünen.

Gemeinnützig aber illegal
„Guerilla Gardening“ nennt man diese Praxis, die ihren Ursprung im New York der siebziger Jahre fand. Warum in der Nacht? Nun, die „Gartenpiraten“ verstehen ihr Tun zwar als eine Art städtische Entwicklungshilfe für die Natur sowie als optische Verschönerung des öffentlichen Raums, Fakt ist jedoch, dass es illegal ist, ohne Genehmigung auf öffentlichen Plätzen zu pflanzen. Wer also die Selbstinitiative ergreift und sich an Bepflanzungsaktionen beteiligt, muss mit Strafen und Anzeigen rechnen. In Zeiten knapper Kassen sind die Grünflächenämter jedoch finanziell eingeschränkt, weswegen es nicht selten vorkommt, dass die friedlichen Vandalen von Anwohnern und Polizisten geduldet werden oder sogar ein positives Feedback erhalten.

Grüner Vandalismus
Die „grünen Pioniere“ haben unterschiedliche Motive für ihre Tätigkeit. Während die einen die Natur als Wohlfühlfaktor entdeckt haben oder ihre städtische Umgebung durch die „grünen Kunstprojekte“ schlicht verschönern wollen, ist das „Zurückerobern“ des urbanen Lebensraums für die anderen eine subtile Protestform - nach dem Motto „think local“ - gegen die Missstände der Globalisierung. Der grüne Vandalismus floriert vor allem in London, dort haben sich im Jahr 2000 Globalisierungsgegner, Umweltaktivisten und Anarchisten auf dem Londoner „Parliament Square“ getroffen, um den Platz ohne offizielle Erlaubnis umzugraben und zu begrünen. Es gibt jedoch auch Leute, für die nicht der Aspekt des zivilen Ungehorsams und des Protest zählt, sondern viel mehr die Tatsache, eine zusätzliche Nahrungsquelle zu haben, und so werden hierbei hauptsächlich Nutzpflanzen ausgebracht. 

Die Praxis des „Guerilla Gardening“ wurde vor allem durch den Engländer Richard Reynolds wieder belebt, der nach seinem Umzug nach London 2004 damit anfing, seine Wohngegend zu begrünen. Mittlerweile hat er ein Buch mit dem Titel „A Handbook for Gardening Without Boundaries“ veröffentlicht und betreibt eine der zentralen Anlaufstellen für die Aktivisten, eine Homepage, auf der sich die weltweit rund 4000 Community-Mitglieder austauschen, Tipps geben und mit Vorher-Nachher Fotos ihre Erfolge präsentieren können. Dort findet man dann z.B. eine Anleitung für sogenannte “seed bombs“, die für Stellen gedacht sind, an denen sich „der Gärtner“ nicht allzu lange aufhalten kann. Also wirft er einfach die kleinen Kugeln, bestehend aus Samen, Kompost, Erde und Tonpulver, bei denen es nicht nötig ist, sie einzugraben, auf den Boden. Das alles geschieht frei nach Reynolds Devise: „Lets fight the filth with forks and flowers.”

Man muss wissen, was man tut!
Um diesem Leitspruch gerecht zu werden, ist es jedoch wichtig, sich nicht nur oberflächlich mit der Thematik auseinander zu setzen, sondern sich intensiv zu überlegen, inwiefern man der Natur mit seinem Handeln auch schaden kann. Tut man das nicht, ist die „Entwicklungshilfe“ auf lange Zeit gesehen nutzlos oder sogar schädlich. So sollte darauf geachtet werden, dass nur heimische Pflanzen ausgesetzt werden, damit es nicht zur Einbringung und Etablierung von Neophyten kommt, also von nicht heimischen Pflanzen, die sich auf Kosten von anderen Organismen ausbreiten. Außerdem sollte Wert auf ein nachhaltiges und somit umweltfreundliches Gärtnern gelegt werden, denn Überdüngung, Fungizide, Pestizide und Herbizide schaden nicht nur dem Boden und dem Grundwasser, sondern auch etwaigen umliegenden Pflanzengesellschaften.

Kommerz bei der Guerilla?
Wie viele davor erfährt auch diese Subkultur eine zunehmende Instrumentalisierung und Kommerzialisierung. So drehte die Firma adidas für ihre Linie „adidas grün“ einen Werbespot, der junge „Garden Guerillas“, bekleidet mit adidas-Produkten bei nächtlichen Aktionen zeigt. Reynolds, eine der Leitfiguren der Bewegung meinte dazu: „Ich dachte mir: Das ist vollkommen lächerlich. Die Leute pflanzen blühende Sonnenblumen und Äpfelbäume, die Früchte tragen – das kann nur Plastik sein. Selbst wenn sie echt sein sollten – die Pflanzen würden innerhalb von ein paar Tagen eingehen. Mit Gartenarbeit hat das nichts zu tun und mit Guerilla erst recht nicht. Sie wollen einen „grünen“ Schuh bewerben und benutzen Pflanzen aus Plastik. Sie haben das Prinzip komplett missverstanden.“

Aber auch Reynolds selbst trägt zu der Kommerzialisierung bei, indem er seine Internetseite betreibt, auf der nicht nur sein eigenes Buch vermarktet wird, sondern auf der sich auch Anbieter befinden, die Utensilien wie „seed guns“, die „seed bombs“ in Form einer Waffe sind, für 49,99 Dollar das Stück verkaufen. Der positive Nebeneffekt dieser Vermarktungen ist jedoch, dass somit immer mehr Leute auf dieses Thema aufmerksam gemacht werden und ihnen damit bewusst vor Augen geführt wird, dass Natur, auch oder sogar vor allem in der Stadt, für viele Menschen unabdingbar ist.

Eva-Maria Lech

Quellen:
www.guerrillagardening.org/ggseedbombs.html 
www.zeit.de/online/2008/38/guerrila-gardening 
minaknallenfalls.blogsport.de/category/sport/