Farbe in der Stadt… grau in grau oder kunterbunt?

Es war ein wunderschöner Sommertag. Strahlend weiße Haufenwölkchen schwebten am tiefblauen Himmel. Die Blumen blühten in allen erdenklichen Farben. Groß und Klein hatte sich auf dem Marktplatz versammelt, die Mädels in bunten Röcken, die Männer mit bunten Hüten. Es war Sonntag, der 4. Juli – der Tag der feierlichen Enthüllung des Rathauses. Die Spannung stieg: wie würde das frisch renovierte Herz der Stadt wohl aussehen? Nach langem Warten, zwei ausgedehnten Reden und einem, naja, „interessanten“ Lied der Blaskapelle, und noooch einer schier endlosen Rede, endlich, 11:12 Uhr, fielen die Hüllen. „Ooooohhhs“ und „Ahhhhhhhs“. Aber nein, was ist das???? Grau. GRAU???? GRRAAUUUUU!!! Ein gräuliches Grau. Einfach GRAU. Wie, nix weiter? Nein, nur grau. Welches Grau? Na grau eben. GRAUUUUU. Hmmmm, vielleicht sogar ein vornehmes, edles Grau. Doch, ja und nicht nur EIN Grau. Viele Grautöne: die Wand hellgrau, die Fensterrahmen mittelgrau, der große Rahmen der mächtigen Eingangstür dunkelgrau, und das Dach, das sogar ganz dunkel-dunkelgrau. Ja, wir haben ein vierfarbiges Rathaus!

Bei Wikipedia kann man nachlesen: „Als Grau wird ein Farbreiz bezeichnet, der dunkler als Weiß und heller als Schwarz ist, aber keinen farbigen Eindruck erzeugt. Grau besitzt keine Buntheit, es ist eine unbunte Farbe.“

Generell gilt die Farbe Grau als langweilig, traurig und nichtssagend. Grau ist unauffällig und steht für etwas Unbedeutendes oder Uninteressantes. So spricht man etwa bei einer unscheinbaren („farblosen“) oder schüchternen Person von einer „grauen Maus“. Grau ist das Symbol für Eintönigkeit und trübe Stimmung. In Wendungen wie „grauer Alltag“ oder „alles grau in grau sehen“ wird Grau in diesem Sinne in Gegensatz zu den positiv besetzten bunten („strahlenden“) Farben gesetzt. Das „Untergehen in einer grauen Masse“ beschreibt das Verschwinden der Individualität in einem nicht mehr zu differenzierenden, gleichförmigen Einerlei. Grau steht auch für Sachlichkeit und eine gewisse Unlebendigkeit, die ermüdend wirken kann. Sie wird daher mit Bürokratie und überhaupt mit trockenen, öden, monotonen, faden, wenig originellen, phantasie-, stimmungs-, spannungs- und reizlosen Stoffen, Eigenschaften oder Erscheinungsformen in Zusammenhang gebracht.

Welche langweilige, traurige, phantasielose Person hat also entschieden, dass unser neues Rathaus GRAU aussehen sollte?! Was will unsere Stadtverwaltung damit ausdrücken?!

Wer mag überhaupt graue Häuser? Eine soeben erfolgte Umfrage in meinem Büro hat ergeben, dass die meisten meiner Mitbürger bunte Gebäude klar bevorzugen. Auf die Frage, in welcher Farbe sie ihr Haus streichen würden, erhielt ich folgende Ergebnisse: Kerstin K. würde ihr Haus terracotta und sandfarben streichen. Ian C. findet Blau passender. Alexandra C. bevorzugt Lindgrün. Manu R. wäre schon mit einem simplen Grün zufrieden. René S. mag Orange. Boris J. wäre Dunkelrot nicht abgeneigt. Sandro S. würde sein Haus in einem dunkelvioletten Blauton streichen, die Fensterrahmen rot. Antje K. und Frauke L. würden ein Gebäude je nach Haustyp weiß bis blassgelb streichen. Sarah L. bevorzugt ganz klar ein regenbogenfarbiges Haus.

Soweit meine Umfrage. Ich gebe zu, sie ist nicht ganz repräsentativ für Deutschlands Gesamtbevölkerung. Aber sie zeigt dennoch deutlich, dass wir bunte Häuser lieben! Wir lieben Farben und Vielfalt. Das wird bestätigt durch eine Studie des Deutschen Lackinstitutes (DLI) im Jahre 2009. Die fand heraus, dass sich die Mehrheit der Befragten für ein farbiges Haus entscheiden würden.

Das liegt wohl auch daran, dass Farben uns ganz verschieden beeinflussen: warme Farben (z.B. gelb, orange und rot) wirken aktiv und fröhlich und vermitteln eine behagliche Atmosphäre.

Kühle Farben hingegen (blau bis grün) haben eine eher beruhigende und erfrischende Wirkung. Je nach Situation und Stimmung bevorzugen wir unterschiedliche Farben (weshalb die allmorgendliche Auswahl der Kleidung so schwierig sein kann, aber das ist wieder ein anderes Thema).

Also, wenn wir es doch alle gern bunt mögen, warum gibt es dann immer noch so viele weiße und graue Gebäude in unseren Städten? Trauen wir uns nicht, unsere Ideen und Träume in die Tat umzusetzen? Schade eigentlich.

Maria Peter