Haltbar bis...

Gestern Vision – heute Müll!
Es ist alles eine Frage der Zeit mit den täglichen Abfällen. Papier verrottet innerhalb von 18 Monaten. Ein Zigarettenstummel benötigt etwa drei Jahre, um vollständig abgebaut zu sein. Ein Kaugummi kann als grauer Fleck in der Fußgängerzone mehr als 10 Jahre überstehen. Nur beim Atommüll muss man in unvorstellbaren Ausmaßen denken – was bisher wenig beachtete Fragen aufwirft.

Langfristig kurzsichtig
Das erste Atomkraftwerk Deutschland ging 1961 ans Netz. Heute sind es 17 Reaktorblöcke. Eine Erfolgsgeschichte? Spätestens beim Thema Atommüll gehen jedem vernünftigen Menschen die Augen auf. Jedes Jahr kommen alleine in Deutschland knapp 400 Tonnen hochradioaktive abgebrannte Brennelemente zum schon bestehenden Atommüll hinzu. Obwohl es auch nach 50 Jahren Atomstrom noch immer kein sicheres Endlager dafür gibt. Sicher für eine zeitliche Distanz, die fern aller Vorstellungskraft liegt. Die Halbwertzeit von Plutonium 242 beträgt zum Beispiel 370.000 Jahre.

Haltbar bis: siehe Lagerung
Radioaktive Abfälle für diese Zeitspanne sicher zu lagern ist selbst objektiv betrachtet nicht möglich. Ein Aspekt ist an dieser Stelle der Ort, an dem eingelagert werden soll. In Deutschland wird bisher auf die Lagerung in Salzstöcken gesetzt – entgegen aller wissenschaftlichen Befunde. Das inzwischen stillgelegte „Forschungs“-Lager Asse gab und gibt einen winzigen Einblick in das, was uns noch erwartet. 12.000 Liter Salzwasser dringen täglich in den Salzstock ein, was in naher Zukunft die Verseuchung des Grundwassers bedeutet. Aber nicht nur in der Asse gibt es einsturzgefährdete Decken und Wassereintritt. Gorleben und Morsleben sind ebenfalls Salzstöcke und weisen ähnliche Probleme auf. Sie sind damit genauso ungeeignet wie die Asse. Anstatt auf Forschungsergebnisse zur Einlagerung in Ton aus Frankreich, Belgien und der Schweiz zurückzugreifen und nach einer vertretbaren Alternative zu suchen, halten Union und FDP weiter an Gorleben als Endlager fest.

Noch erschreckender
Ein weiterer Aspekt sollte uns noch viel mehr beunruhigen als das Problem der Lagerung. Beim Atommüll reden wir über 200.000 Jahre. Die großen AKW-Betreiber RWE, e-on und Vattenfall wird es dann schon lange nicht mehr geben. In der ganzen Erdgeschichte gab es noch nicht einmal ein politisches System, welches eine solche Zeitspanne hätte überdauern können. Wie soll man alle folgenden 30.000 Generationen vor den Hinterlassenschaften unter der Erde warnen? Wer heute erklärt, er habe ein langfristig sicheres Endlager, den müsste man ohne wenn und aber der Lüge bezichtigen. Hinsichtlich der enormen zeitlichen Ausmaße wäre ein solches Versprechen einfach nur absurd.

Ein finanzielles Desaster
Allzu oft wird betont, Atomenergie sei nicht nur sicher und sauber, sonder vor allem auch günstig. Hinsichtlich der Endlagerproblematik ist dieses Argument mehr als unhaltbar. Unkalkulierbar sind die Kosten, die auf den Steuerzahler zukommen. Aber schon jetzt fließen Unsummen, z.B. geschätzte 2,5 Milliarden in die Stillegung der Asse, 2,2 Milliarden in die Sanierung von Morsleben. Beträge, die im Vergleich mit dem, was noch kommt, kleinste Centbeträge sind. 

Erst kürzlich hat die schwarz-gelbe Regierung die Verlängerung von AKW-Laufzeiten beschlossen. Und das, obwohl jeder Tag Atomenergie einen weiteren Tag Atommüll bedeutet. Einen weiteren Tag unkalkulierbare Kosten. Einen weiteren Tag Unverantwortlichkeit. Politik ad absurdum.

Wäre es besser gewesen, wir hätten uns niemals auf die Atomenergie eingelassen? Ja, sagt nicht nur der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz.

Markus Ries