Das Leben der Erde – in einem einzigen Tag

4 600 000 000 Jahre ist er alt – unser Heimatplanet: die Erde. Eine unvorstellbar lange Zahl und eine unglaublich lange Zeit. Heute ist die Erde der einzige bisher bekannte Planet, auf dem es vor Leben nur so wimmelt – aber das war nicht immer so. Über viele Millionen Jahre köchelte die Erde als flüssiges Gestein vor sich hin. In einer späteren Phase sorgte ein über Jahrzehntausende anhaltender Dauerregen für das langsame Erkalten der Erdoberfläche und zur Bildung der Urozeane. Um sich diese gewaltigen Zeitabschnitte besser vorstellen zu können, kann man die Erdgeschichte in ein 24-Stunden-Modell umrechnen: wir erleben sozusagen die Entstehung der Welt in einem einzigen Tag.

Die Frühphase der Erde (00:00 – 21:00 Uhr)
00:00 Uhr: Das, was die Erde einmal werden soll, fliegt noch als Ansammlung kleinster Brocken um eine Umlaufbahn um die Sonne. Erst nach und nach verdichtet sich die Materie zu einer kompakten Masse. Es setzt ein heftiges Bombardement durch Asteroiden und ähnliche Flugkörper ein. Bei einer besonders heftigen Kollision der Urerde mit einem anderen, etwa marsgroßen Protoplaneten entsteht zwischen 02:00 Uhr und 04:00 Uhr der Mond. Durch die vielen Meteoriteneinschläge heizt sich die Erde auf und fliegt als glühend roter Feuerball durchs All. 

Gegen 04:00 Uhr hören die Meteoriteneinschläge endlich auf. Am Vormittag kühlt sich die Erde langsam ab. Vulkane erschaffen eine Uratmosphäre, die noch keinen Sauerstoff enthält. Aus einer dicken Wolkendecke geht ein Dauerregen nieder, der auf der Erdoberfläche sofort wieder verdampft. Gegen 10:00 Uhr ist die Erde soweit abgekühlt, dass sich die Urozeane bilden. Kurz vor 11:00 Uhr verbinden sich einige Atome und Moleküle zu ersten Lebensformen.

Bis 21:00 Uhr verbringt die Erde eine Zeit stetigen Wandels. Es gibt mehrere globale Vereisungen, Gebirge entstehen und vergehen wieder, mehrere Superkontinente bilden sich, brechen auseinander und driften wieder zusammen. Das Leben behauptet sich weiterhin. Es entwickeln sich einfache Einzeller, die wenig später beginnen, Photosynthese zu betreiben. Die Ozeane und später auch die Atmosphäre reichern sich daraufhin mit Sauerstoff an. Nachdem sich Zellen mit Zellkernen entwickelt haben, entstehen mehrzellige Pflanzen und die ersten wirbellosen Tiere.

Das Erdaltertum und das Erdmittelalter (21:00 – 23:42 Uhr)
Zwischen 21:00 und 21:30 kommt es zu einer ersten explosionsartigen Entwicklung der Artenvielfalt in den Meeren. Es dominieren komplexe Lebensformen, darunter Algen, Spinnen und Krebse. 

Gegen 21:40 Uhr treten die ersten Wirbeltiere auf. Wenig später erobern die ersten Pflanzen das Festland und begrünen die Erdoberfläche. Kurz nach 22:00 Uhr tummeln sich Knochen- und Knorpelfische in den Meeren. Erste Insekten treten auf. Die Pflanzen können aufgrund des Verholzens der Sprossachse nun auch in die Höhe wachsen.

Zwischen 22:00 und 22:30 ist die Erdoberfläche von üppiger Vegetation bedeckt, aus der sich die Steinkohlelager entwickeln werden. In dieser Zeit gehen die ersten Wirbeltiere an Land und entwickeln sich zu Amphibien. Bis 22:40 entwickeln sich echte Nadelbäume. Reptilien, die ersten Wirbeltiere, die nicht mehr ans Wasser gebunden sind treten auf. Gegen 22:45 wird das Klima auf der Erde trocken und wüstenartig – diese dramatischen Veränderungen bewirken das bisher größte Artensterben auf der Erde.

Aber das Leben ist nicht aufzuhalten. Nach dieser Katastrophe betritt eine neue Artengruppe den Spielplan: Die Dinosaurier. Bis 22:55 Uhr sind alle wesentlichen Merkmale entwickelt. Bis 23:42 Uhr bauen Sie ihre Vorherrschaft immer weiter aus. In ihrem Schatten entwickeln sich die ersten Säugetiere und die ersten Vögel. In Europa werden die Alpen aufgefaltet. Die ersten Blütenpflanzen treten auf. Um 23:42 Uhr werden jedoch die meisten Arten durch einen großen Meteoriteneinschlag vernichtet. Das Erdmittelalter geht zu Ende.

Die Erdneuzeit (23:42 – 24:00 Uhr)
In der Erdneuzeit überschlagen sich die Ereignisse. Neue Arten entwickeln sich immer schneller. Die Periode beginnt mit einem 10-minütigen Auftritt der Braunkohlewälder, in denen Blütenpflanzen und Nadelhölzer vorherrschen. In ihrem Schutz entwickeln sich Säugetiere, Vögel und Insekten zu einer großen Vielfalt. 23:58 Uhr kommen die ersten Primaten auf. 50 Sekunden später entwickeln sich daraus die ersten Hominiden. Um 23:59:30 Uhr vereisen die Polkappen. Es herrscht ein Wechseln von Warm- und Kaltzeiten. Mammute, Nashörner Höhlenbären und die Gattung Homo tauchen auf. 23:59:40 Uhr beginnt die vorerst letzte Eiszeit. Die Jetztmenschen betreten den Plan. Nach dem Ende der letzten Eiszeit gegen 23:59:58 Uhr entsteht das heutige Landschaftsbild mit der Tier- und Pflanzenwelt wie wir sie kennen. In atemberaubender Schnelligkeit beginnt der Mensch das Bild der Erde zu verändern. Die Geburt Christi liegt nur 3,5 Millisekunden zurück. Die Technisierung der Welt und der damit einhergehende Artenverlust und Klimawandel dauert gerade mal 0,3 Millisekunden an. 

So sind die Zeiten doch viel besser vorstellbar, findet ihr nicht?

Sirko Galz