Krieg = Tödliches Gift für das Leben

Täglich füllen Kriege und gewaltsame Konflikte die Schlagzeilen der Medien. Maßstab für die Verluste ist selbstverständlich meist die Zahl der menschlichen Opfer. Doch Krieg zerstört nicht nur Menschenleben. Krieg vernichtet Leben auf allen Ebenen. Neben dem lang anhaltenden Leid in der Bevölkerung hat Krieg auch weitreichende Folgen für die Umwelt.

Sinnlose Waldvernichtung im Kaukasuskonflikt

Man muss nicht lange nach Beispielen suchen. Der Kaukasuskonflikt zwischen Russland und Georgien ist zur Zeit der Erstellung dieses Artikels brandaktuell. Hier hat der Krieg erhebliche Verluste für die biologische Vielfalt mit sich gebracht. So gab es im georgischen Nationalpark Borshomi-Charagauli schwere Verwüstungen durch Brandbomben.

Am 15. August setzten russische Militärhubschrauber ein Bergwaldgebiet im Nationalpark Borshomi-Charagauli in Brand. Einen Tag später lagen bereits 200 Hektar Wald in Asche. Die prekäre Sicherheitslage sowie Straßensperren verhinderten die Organisation der Feuerbekämpfung. Löschflugzeuge aus den um Hilfe gebetenen Nachbarstaaten Türkei, Ukraine und Aserbaidschan mussten immer wieder unverrichteter Dinge abdrehen. Erst sechs Tage nach der Brandstiftung erlaubte das russische Militär den Löschflugzeugen der Türkei erstmals den Zugang zu den betroffenen Gebieten, berichtet ein Vertreter des WWF-Kaukasus-Programms. Das Kaukasus - Büro der Internationalen Naturschutzunion (IUCN) schätzt, dass „über 300 Hektar Kaukasusfichten- und Orientbuchenwälder abgebrannt sind“. Russland bestreitet bis heute, für die Brände verantwortlich zu sein.

Georgiens Vorzeige - Nationalpark Borshomi-Charagauli wurde 2001 gegründet. Er ist Lebensraum des seltenen Maralhirsches, des Kaukasus-Birkhuhns oder des Kaukasus-Salamanders. Auch von Braunbär und Steinadler lässt sich hier eine beeindruckende Siedlungsdichte nachweisen. Nicht nur die Brände selbst werden der Flora und Fauna großen Schaden zugefügt haben. Nach der Zerstörung des Bergwaldes ist als Spätfolge nun massive Bodenerosion zu befürchten, deren Ausmaße noch niemand abzuschätzen vermag.

Ölkatastrophe Golfkrieg
Im Fall des Zweiten Golfkrieges (1990-1991) sind die Folgen auch nach über 15 Jahren allgegenwärtig. Das kurzfristige Medieninteresse an den ökologischen Folgen konzentrierte sich zur Zeit des Konflikts auf die möglichen Auswirkungen der Ölbrände auf das Klima. Nachdem die brennenden Ölfelder gelöscht waren, wurde vorschnell Entwarnung hinsichtlich der Umweltschäden gegeben – zu Unrecht. 

Mehr als eine Milliarde Liter Erdöl waren im Zweiten Golfkrieg aus zerschossenen Tankern, Pipelines und zerstörten Tanklagern in den Persischen Golf geflossen. Obwohl eine natürliche Barriere die weitere Ausbreitung des Ölteppichs durch Wind und Meeresströmungen verhinderte, wurde die Küste über eine Distanz von etwa 650 Kilometern ausnahmslos verölt. An besonders flachen Küstengebieten drückte die Flut das Öl bis zu einem Kilometer weit in die ökologisch sensiblen Buchten. Mit dem Verlust des Lebens in den Salzmarschen und Mangroven fiel die Hälfe der saudi-arabischen Küste als Nahrungsquelle für Stand- und Zugvögel dem Öl zum Opfer. Augenzeugen berichten vom Verwesungsgestank von hunderttausenden toten Schnecken, Muscheln und Krebsen sowie von verendeten Vögeln, vor allem von Kormoranen.

Der biologische Abbau der Ölverschmutzung begann erst nach einigen Jahren. Erstes Leben zeigte sich mit kleinen Kolonien von Strandkrabben. Länger dauerte die Rückkehr der Pflanzen. Auf einigen Versuchsflächen der Universität Oldenburg im Kriegsgebiet fehlten sie auch nach zehn Jahren noch. Erst drei von 24 untersuchten Flächen galten bis dahin als regeneriert. Die Böden selbst erholen sich noch langsamer. Die Vernichtung der Bodenlebewesen, die Zementierung der Partikel und langfristige chemische Veränderungen verhindern eine rasche Erholung der Böden.

„Agent Orange“ – Schrecken ohne Ende

Eines der wohl bekanntesten Kriegsgifte ist das so genannte „Agent Orange“. Es enthält TCDD, das tödlichste chemisch hergestellte Gift der Welt. Von den Amerikanischen Streitkräften im Vietnamkrieg (1960-1975) als Entlaubungsmittel eingesetzt, sollte es den Vietkong die Deckung des Waldes nehmen. Über 40 Millionen Liter dieses Giftes wurden vor allem in Grenzgebiet Südvietnam-Laos und im Mekong-Delta versprüht. Die dioxinhaltige Substanz zerstörte Millionen von Hektar Wald (44% des Waldbestandes) und 40 Prozent der Mangrovenwälder. Die Störung des ökologischen Gleichgewichts führte zu Erosion, Dürreperioden und Überschwemmungen. Mehrere Tier- und Pflanzenarten verschwanden aus der betroffenen Region.

Beispiel für eine langfristig geschädigte Tierart ist der stark gefährdete Irawadi-Flussdelfin. Von den schätzungsweise nur noch 180 Exemplaren weltweit existieren im Mekong noch höchstens 100 Tiere. Was den Bestand der seltenen Delfinart so gefährdet, ist leider noch nicht vollständig erforscht. Nach Angaben des WWF ist die Zahl der verbliebenen Tiere allerdings alarmierend.

Krieg – Grausames Gift
Natürlich lassen sich Menschenleben und Umweltzerstörung nicht in Vergleich setzen, doch bei der Konzentration der Medien auf die menschlichen Opfer bleibt die gleichzeitige Umweltzerstörung ein wichtiges Thema, welches nicht vernachlässigt werden sollte. Schließlich ist die mit Krieg einhergehende Vernichtung der natürlichen Lebensgrundlagen für die Betroffenen – langfristig gesehen – meist das tödlichere Gift.

Markus Ries

Quellen
Tom Kirschey (NABU-Bundesarbeitsgruppe Kaukasus) Aus: Neues Deutschland, 25.8.2008
Irene Gronegger (www.telepolis.de/deutsch/inhalt/co/13236/1.html)
Anita Frabig und Kathrin Otte (Hrsg.): Umwelt, Macht und Medizin