Esst mehr Fisch?!?

Wie die rücksichtslose Plünderung der Meere die Artenvielfalt bedroht.

Seit Jahren versuchen Ernährungswissenschaftler uns Mitteleuropäer dazu zu bewegen, ein gesünderes Leben zu führen. Wir seien zu dick und zu träge, würden zu viel Fettes und zu viel Süßes essen. Mit der richtigen Ernährung ginge es uns deutlich besser, meinen die Experten. Ganz weit oben auf ihrer langen Liste von Verbesserungsvorschlägen steht der Fisch. Die Ernährungsexperten haben nämlich bemerkt, dass Menschen in Japan, Südeuropa oder Costa Rica wegen ihrer fischreichen Ernährung deutlich länger und gesünder leben als wir. Ihr Aufruf lautet daher „Esst mehr Fisch!“ Die Sache hat nur einen Haken: In den Weltmeeren ist gar nicht mehr genug Fisch vorhanden um uns alle so zu ernähren wie z.B. die Japaner.

Venezolanischen Fischern droht das Aus
Für die traditionellen Fischer von Venezuela ist es seit Jahren Tag für Tag das Gleiche: Ihre Netze sind immer öfter nur halb voll. Wenn sie nicht bald wieder einen wirklich guten Fang machen, wird es zu einer Hungersnot kommen. Die Fische, die sie fangen, werden nicht nur immer weniger, sondern auch immer kleiner. Für die Menschen an der Küste Venezuelas ist Fisch der wichtigste Nahrungsbestandteil. Sie sind auf die Fänge aus dem Meer angewiesen und bekommen es als erste zu spüren, wenn im Meer irgendetwas nicht stimmt.

Meer ohne Fisch? 

Die größten Lebensräume der Erde, die Ozeane sind leergefischt. Innerhalb eines Menschenlebens haben wir es geschafft, den Reichtum der Meere fast vollkommen auszuplündern. In jedem Jahr werden über 100 Millionen Tonnen Meerestiere aus den Ozeanen gefischt. Bei einer Weltbevölkerung von 6 Milliarden Menschen würde dies etwa 17 Kilogramm Fisch pro Kopf ausmachen. In Deutschland liegt der Verbrauch pro Person bei etwa 15 Kilogramm im Jahr, bei den Isländern dagegen bei 90 Kilogramm. Doch der Fisch landet nicht nur auf unseren Tellern sondern wird in der Massentierhaltung in Form von Fischmehl als billiges Kraftfutter an Schweine und Kühe verfüttert. 
Vereinte Nationen schlagen Alarm

Dieser verschwenderische Umgang mit der „Ressource Fisch“ hat, den Vereinten Nationen (UNO) zufolge, bereits dazu geführt, dass ¾ aller Fischbestände vollständig ausgebeutet, übermäßig befischt oder erschöpft sind. Dabei haben die Großfische wie Thunfisch, Heilbutt und Haie am meisten daran gelitten. Innerhalb von 50 Jahren wurden 90% der Fischbestände aus den Meeren geholt. Wenn sich die derzeitige Entwicklung fortsetzt, wird bis zum Jahr 2050 Seefisch derart teuer sein, dass ihn sich die meisten Menschen kaum noch leisten können. Dabei wird es den ärmsten Teil der Weltbevölkerung wieder einmal am härtesten treffen. Die Fangmengen sind ohnehin höchst ungleich verteilt: Obwohl den Menschen in den armen Ländern der überwiegende Teil der weltweit vorhandenen Fischerboote gehört, holen andere den großen Fang aus dem Meer.

Fragwürdige Fischfangmethoden der Industrieländer
Die Fangflotten der Industrieländer machen zahlenmäßig zwar nur 1% der weltweiten Fangflotte aus, bringen jedoch rund die Hälfte aller gefangenen Fische an Land. Die von der Fischereiindustrie angewandten Methoden sind dabei sehr umweltschädlich: Grundschleppnetze zerpflügen den Meeresgrund und hinterlassen in Korallenriffen eine Spur der Verwüstung. Korallenstöcke und ganze Riffe werden zerrissen. Dabei werden nicht nur die Lebensräume einer riesigen Menge von Jungfischen vernichtet, sondern die farbenfrohe und extrem artenreiche Unterwasserwelt in eine leblose Wüste verwandelt. Das offene Meer wird inzwischen mit Netzen durchkämmt, in die sechs große Passagierflugzeuge nebeneinander hineinpassen würden. Dabei werden die neusten technischen Hilfsmittel wie Satelitentechnik verwendet, um auch noch den letzten kleinen Schwarm abzufischen. Dies alles führt dazu, dass sich einerseits die Fischereiindustrie ihrer eigenen Wirtschaftsgrundlage beraubt und andererseits auch ein nie da gewesener Rückgang der Artenvielfalt in den Meeren zu verzeichnen ist. Das wirklich Erschreckende daran ist, dass somit Arten aussterben, bevor wir Menschen überhaupt registriert haben, dass es sie gibt.
Hausgemachte Probleme der EU

Die größten Probleme liegen direkt vor unserer Haustür. Fast nirgendwo geht es den Fischbeständen so schlecht wie in den Gewässern der Europäischen Union. Die EU unterhält die zweitgrößte Fangflotte der Welt. Vorschläge zur Flottenverkleinerung und Einführung schonender Fangmethoden wurden bislang kaum umgesetzt. Besonders deutlich wird dies bei den so genannten Beifängen. In den Netzen der Fischer landet nicht nur der begehrte Speisefisch, sondern auch Meerestiere wie Meeresschnecken, Krustentiere oder Muscheln, die für den Verzehr ungeeignet sind. In einigen nordeuropäischen Ländern, wie z.B. Norwegen, wird dieser Beifang mit an Land gebracht, um wenigstens zu Fischmehl verarbeitet zu werden. Die Vorgaben der EU erlauben es jedoch den Beifang schon auf See wieder über Bord gehen zu lassen. Tausende getötete Tiere treiben so im Kielwasser eines Fangschiffes.

Den Fischen die Nahrung abfischen

Da es von einigen Großfischarten wie z. B. dem Thunfisch nicht mehr genug Schwärme gibt, oder sie mittlerweile strengen Schutzbestimmungen unterliegen, weicht die Fischereiindustrie zunehmend auf andere, minderwertigere Fische aus. Damit verschärft sich jedoch die Situation für die Großfische weiter, da ihnen nun auch noch die Nahrungsgrundlage entzogen wird. Das Gleichgewicht der Arten gerät damit dermaßen durcheinander, dass sich weitere Störungen im Ökosystem, wie die Auswirkungen der Klimaerwärmung, zu einer Katastrophe führen können. 

Die Fangmethoden müssen daher schleunigst geändert werden.

Schutzmaßnahmen die Erste

Wie eine schonende und nachhaltige Fischereiwirtschaft aussehen könnte, darüber sind sich Meeresbiologen einig: Um die Fischbestände zu erhalten, darf nur etwa 50% eines Schwarms abgefischt werden. So sind noch genügend Tiere vorhanden, die für den Nachwuchs sorgen können. Durch das Abfischen verringert sich die Konkurrenz der Fische um Nahrung und Lebensraum. Die Bestände können sich umso schneller wieder erholen. Fischt man mehr als die Hälfte eines Schwarms ab, wächst er nur sehr langsam wieder auf seine ursprüngliche Größe an. Bevor er sich ganz erholen kann, hat bereits das nächste Fischereischiff einen weiteren Teil des Schwarms weggefischt. So erschöpft sich der Reichtum des Meeres nach und nach und bricht schließlich ganz zusammen.

Schutzmaßnahmen die Zweite
Gleichzeitig müssen - wie auf dem Land auch - in den Meeren ausgedehnte Schutzzonen eingerichtet werden, in denen sich die Fischarten erholen und regenerieren können. Neueste Erkenntnisse zeigen, dass sich kurz nach der Einrichtung von Meeresschutzgebieten die Bestände innerhalb der Zone wieder erholt haben und die Fangmengen auch außerhalb der Schutzzonen wieder stark angestiegen sind. 

Es liegt an uns, zu handeln!
Jeder Einzelne kann durch den gezielten Kauf von Fischen aus nachhaltiger Fischereiwirtschaft zum Bestandsschutz beitragen. Die Produkte sind mit einem Siegel des „Marine Stewardship Council“ gekennzeichnet. Wenn gleichzeitig in der Landwirtschaft ein Weg, weg von der Massentierhaltung und dem Einsatz von Fischmehl eingeschlagen wird, werden die Fischer an der Küste Venezuelas auch wieder volle Netze haben. Was die Essgewohnheiten von uns Mitteleuropäern angeht, so können wir es auch mit einem anderen Tipp unserer Ernährungswissenschaftler halten: „Esst mehr Obst und Gemüse!“

Sirko Galz

Quellen: 
Abromeit, L., T. Hampel, K.Trippel (2007): Kampf bis zum letzten Fisch. In GEO 06/2007 S. 127-166, Hamburg. 
Brown, L. R. (2007): Plan B 2.0 – Mobilmachung zur Rettung der Zivilisation, Berlin.