Das verborgene Leben in der Quelle

Wie stellt Ihr Euch eine Quelle vor? Obwohl viele Menschen noch nie eine gesehen haben, haben sie eine klare Vorstellung wie sie aussehen soll. Das Wasser muss sichtbar aus dem Erdboden hervorsprudeln oder besser noch als rauschender Wasserfall den Hang hinabstürzen. Das Quellwasser ist erfrischend kühl und klar und kann an Ort und Stelle getrunken werden. Dass man beim Trinken aus der Quelle aber durchaus einen Bachflohkrebs oder einen Strudelwurm verschlucken kann, wissen die wenigsten. Quellen sind eben keine leblosen Orte, sondern Treffpunkt für die verschiedensten Artengemeinschaften. Aus den Klüften des Untergrundes werden Grundwasserlebewesen herausgespült, Bacharten wandern gegen die Strömung in Richtung Quelle und im durchfeuchteten Randbereich siedeln sich feuchtigkeitsliebende Landtiere an. Insgesamt wurden an Europäischen Quellen über 1500 Arten festgestellt, wovon 465 ausschließlich in Quellen vorkommen.

Enttäuschung auf den ersten Blick

Sucht man in der Natur nach spektakulären Wasseraustritten wird man oft enttäuscht. Meistens wird man nur unscheinbare und kleinere Wasserstellen finden, die nicht unbedingt diesem Ideal entsprechen. Größere Fließ-, Sturz- oder Tümpelquellen sind eher die Ausnahme. Sehr oft tritt das Wasser über eine größere Fläche zutage und lässt einen mehr oder weniger großen Sumpf entstehen. Hier ist meist kein fließendes Wasser zu sehen und kein Plätschern zu hören. Stattdessen erkennt man diesen Quelltyp an besonderen Pflanzen, die nur an nassen Standorten wachsen, wie z.B. Brunnenkresse, Sumpfdotterblume oder Riesenschachtelhalm. Spätestens wenn man bis zum Knie im Schlamm feststeckt, kann man ziemlich sicher sein, dass es sich um eine Sickerquelle handelt.

Leben ist einzigartig – Quellen auch!
Ob schlammig oder sprudelnd, alle Quellen haben eins gemeinsam: das was hier ans Tageslicht tritt und in Rinnsalen oder Bächen oberirdisch abfließt ist Grundwasser. Somit sind sie der Ursprung aller Fließgewässer. Ausnahmen gibt es natürlich auch. Die Gletscherflüsse der Hochgebirge sind solche, denn sie werden nicht aus Grundwasser, sondern aus Schmelzwasser gespeist. Je nachdem welche geologischen Schichten das Quellwasser vorher im Untergrund durchströmt hat, kann es unterschiedliche Eigenschaften besitzen. Das Wasser der Frankenalb etwa ist kalkreich und führt zur Bildung von Kalkausfällung in Form von Kalktuff oder Kalksinter. Das heißt, dass sich an der Quelle der Kalk ablagert. Diese Ablagerungen bilden dann zum Beispiel Rinnen oder Terrassen. Im Spessart erscheinen die Quellbäche rötlich, da dort Eisen aus den Gesteinsschichten gelöst wird. Beim Austritt des Grundwassers überziehen die rostbraunen Eisenmineralien (Eisenocker) die Steine im Bachbett. In anderen Regionen, wie z.B. im Fichtelgebirge, sind sehr niedrige pH-Werte für das Quellwasser typisch. Die so genannten sauren Quellen werden aufgrund der extremen Lebensbedingungen nur durch spezielle Arten besiedelt. Ähnlich verhält es sich mit den Schwefelquellen im Donautal. Der hohe Anteil an Schwefelwasserstoff ist für die meisten Organismen lebensfeindlich, für bestimme Bakterien jedoch essenziell.

Oasen im Wandel der Jahreszeiten
Unabhängig von der Form der Grundwasseraustritte und der chemischen Zusammensetzung des Wassers sind Quellen besondere Lebensräume. Allgemein weisen sie ganzjährig gleichmäßige Bedingungen auf. Im Gegensatz zu Flüssen und Seen ändert sich ihre Temperatur kaum. Im Sommer bleiben sie stets kühl und im Winter sind sie Wärmeoasen, die nicht zufrieren. Einige Tierarten haben sich an die gleichmäßigen Verhältnisse angepasst. Die vergleichbar kühlere Wassertemperatur und die geringen Nährstoffe verzögern zwar die Entwicklung der Jungtiere, bieten aber für Feuersalamander- und zahlreiche Insektenlarven eine sichere Kinderstube. Winzige Quellschnecken und Quellerbsenmuscheln kommen ausschließlich in diesem Kleinstbiotop vor. Selbst viele Pflanzenarten haben sich auf Quelllebensräume spezialisiert. Namen wie Quellkraut, Quellmoos, Quellmiere verraten uns ihre Vorliebe für diesen Standort.

Trübe Aussichten
Leider sind die Zeiten für Quelljungfern und Quellköcherfliegenlarven heute nicht mehr sehr rosig. In Zeiten des Wasserhahns und der zentralen Wasserversorgung ist uns die Wertschätzung der Wasser- und Lebensspendenden Orte verloren gegangen. Die feuchten Stellen in der Landschaft stören bei der Bewirtschaftung der Felder oder beim Wegebau und wurden daher häufig verrohrt oder trockengelegt. Sind sie noch vorhanden, so ist das Wasser oftmals durch Düngemittel oder Pestizide verseucht. Die versteckten Gewässeranfänge am Waldrand dienen oftmals als illegale Mülldeponien zur kostengünstigen Entledigung von Hausmüll oder Bauschutt. 
Setz Dich ein!

Früher wurden Quellverschmutzer aufs Härteste bestraft, heute interessiert das fast niemanden mehr. Bist Du auch so schockiert darüber wie wir? Dann würden wir uns freuen, wenn ihr aktiv werdet und in Euerer Gemeinde eine kleine Quellschutz-Kampagne starten würdet. Geht doch mal mit einer Landkarte und einem Foto bewaffnet als Quellen-Detektiv auf die Suche und macht Euch ein persönliches Bild von den Gewässerursprüngen in Eurer Heimat.
Wir sind gespannt auf zahlreiche Erfahrungsberichte aus ganz Bayern!

Zoran Jokic und Julia Römheld