Migration – Warum wandern Tiere?

Tierwanderungen – da denkt man zunächst an gewaltige Strecken, z.B. den jährlichen Zug von Pol zu Pol der Küstenseeschwalbe. Tierwanderungen finden jedoch fast dauernd und über ganz unterschiedliche Strecken statt, so regelmäßig, dass schon die Definition von Migration nicht einfach ist. Allgemein versteht man unter Migration bei Tieren gerichtete und regelmäßige Wanderbewegungen.

Gründe für Tierwanderungen

Wanderbewegungen sind wohl so alt wie Tiere selbst. Dahinter steht als Hauptursache, dass sich ihre Lebensgrundlagen über Zeit und Raum unterscheiden. So bieten viele Gegenden nur für kurze Zeit im Jahr gute Lebensbedingungen.

Jeder, der schon mal im Norden Urlaub gemacht hat, kennt beispielsweise den enormen Insektenreichtum, der dort im Sommer herrscht. Solche Gegenden bieten dann beste Bedingungen zur Aufzucht von Jungen, aber kaum sind sie groß, müssen die Tiere weiterziehen: ein gnadenloser Winter beginnt, den nur speziell angepasste Arten überleben können. Glücklicherweise herrschen aber in anderen Gegenden, die durch Migration erreicht werden, zur gleichen Zeit mildere Bedingungen.

Neben veränderlichen Lebensgrundlagen spielt auch die Paarung eine Rolle bei Wanderbewegungen. Individuen mancher Tierarten leben den größten Teil des Jahres verstreut, aber müssen, um ihren Fortpflanzungserfolg zu sichern, an bestimmten Plätzen zusammenkommen, z.B. in riesigen Brutkolonien oder an bestimmten Orten, wo dann Paarungsrituale stattfinden.

Genetischer Kompass zur Orientierung
Migrationsverhalten wird durch Gene und Umweltfaktoren beeinflusst. Gänse z.B. ziehen in großen Gruppen, die ihre eigenen „Traditionen“ bilden. Jungvögel lernen so viele Aspekte des Zuges von älteren Tieren. Singvögel dagegen ziehen häufig in der Nacht und alleine.

Grasmücken (das sind bestimmte Vögel) haben starke genetische Programme für den Vogelzug. Ein angeborenes Zeitprogramm löst die „Zugunruhe“ oder auch „Wanderlust“ der Vögel zur richtigen Zeit im Jahr aus. Ebenfalls angeborene Kompassprogramme helfen, den richtigen Weg zu finden. Dabei lernen Vögel und kehren später gerne zu erprobten Gebieten zurück. Genetische Programme können unterschiedlich präzise sein. Viele Langstreckenzieher, z.B. Mauersegler, sind berühmt für die Präzision, mit der sie zu bestimmten Zeiten im Jahr ankommen und abziehen. Deshalb werden sie auch als „Kalendervögel“ bezeichnet.

In manchen Teilen der Welt, z.B. auf Borneo, werden die Felder nach der Ankunft der Zugvögel bestellt. Unter Kurzstreckenziehern gibt es dagegen Arten, die je nach Wetterlage früher oder später ziehen, und darum auch als „Wettervögel“ bezeichnet werden. Durch die Klimaveränderung haben sich die „Fahrpläne“ der Vögel inzwischen allerdings schon stark verändert.

Bestleistungen bei Wanderungen
Wanderbewegungen von Tieren sind eine Fundgrube für Glanzleistungen. Wie z.B. findet ein Vogel den Weg über den halben Globus und dann wieder zurück nach Huglfing, Ebrach oder Neu-Ulm? Vögel verwenden eine Vielzahl von Sinnen zur Orientierung. Sie besitzen einen inneren Kompass in Form von Rezeptoren, die sich am Magnetfeld der Erde orientieren. Auch richten sie sich nach dem Sternenhimmel, wobei eher die Gesamtrotation eine Rolle zu spielen scheint als einzelne Sternbilder. Tagsüber können Vögel sich am Sonnenstand orientieren, und das sogar bei bewölktem Himmel, weil sie UV-Strahlung wahrnehmen. Einige Tiere verwenden menschliche Landmarken, wie Autobahnen und die Beleuchtung von Großstädten, um ihr Weg zu finden. Schließlich wird Geruchsinformation genutzt, besonders von Seevögeln, aber auch von Brieftauben.

Und wie schaffen winzige Vögel Ultra-Marathons in der Luft, z.B. beim Überfliegen von Meeren, Gebirgsketten oder der Sahara? Da Vögel auf ihrem Zug oft große Strecken ohne Nahrungsaufnahme zurücklegen, speichern sie vorher schon Fett, das dann unterwegs aufgebraucht und während Zwischenstopps nachgeladen wird. Gut genährte Vögel halten sich nur kurz in Oasen der Sahara auf. 

Außer Speicherfett verheizen Vögel aber auch Teile ihres Körpers, z.B. Darmgewebe und sogar kräftige Brustmuskulatur, um die Strecke zu bewältigen. Als Rekordhalter gilt der dunkle Sturmtaucher. Er legt 65.000 Kilometer in 200 Tagen zurück!

Lachs, Gnu und Weißstorch

Auch viele andere Tiere weisen ein ausgeprägtes Wanderverhalten auf und nutzen damit verschiedene Lebensräume optimal. Ein bekanntes Beispiel für Fischwanderungen ist der Lachs, der zur Paarungszeit von den Meeren in die Flussoberläufe zieht. Gnus bewegen sich fortwährend in einem großen Kreis – von den weiten Kurzgrassteppen der Süd-Serengeti Tansanias nach Kenia und zurück. Die riesigen Herden folgen dem Lauf von Trocken- und Regenzeiten, immer auf der Suche nach neuen Weidegründen. Sie ziehen nicht allein, viele Vogelschwärme folgen ihnen. Es kann sogar vorkommen, dass Stare auf den Gnus durch die Landschaft reiten. Weißstörche sammeln sich oft zu riesigen Schwärmen, um ihre Flugstrecke gemeinsam mit den Herden zurückzulegen, weil die Hufe der Vierbeiner vielerlei Nahrung aufscheuchen. Wanderbewegungen, sichtbar oder unsichtbar, sind ein wesentlicher Bestandteil des täglichen Überlebens von Tieren.

Barbara Helm, Julia Koszinowski, Orla Schmidt-Achert